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Irma Krauß - Freie Autorin vorwiegend im Bereich Kinder- und Jugendbücher
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Engelgeschichten für 3 Minuten




Leseprobe

Die fliegende Schule der Engelchen

Hast du schon von der fliegenden Schule der Engelchen gehört? Nein? Dann weißt du natürlich auch nicht, wo sie ist! Ich erzähle es dir.
Schau, am Himmel segeln weiße Wolken. Sie segeln wie Schiffe, sie fliegen wie Wolken. Es sind Wolkenschiffe. Der Wind treibt sie über den Himmel, wie ein Hirt seine Schafe über die Wiese treibt. Und wie bei einer Herde beschützen die großen Wolkenschiffe die kleinen Wolkenschiffe und nehmen sie in ihre Mitte.
Zu den kleinen Wolkenschiffen gehört das Schulschiff der Engelchen. Es ist selten zu sehen, weil der Wind meistens einen Wolkenteppich darunterschiebt. Im Schulschiff, auf dem watteweichen Boden, sitzen die Engelchen vor dem Fräulein Lehrerin, das ist Engel Malfriede. Engel Malfriede ist ein großer Engel mit gewaltigen Flügeln. Die kleinen Engelchen haben winzige Flügelchen, ungefähr wie auf der Erde die Hummeln. Sie taumeln und purzeln und sind ständig in Gefahr abzustürzen. Spätestens auf dem Wolkenteppich können sie sich noch einmal fangen, dazu ist er da.
Die großen Flügel von Engel Malfriede sind prima. Mit ihnen kann die Engelslehrerin schnell vom Schulschiff zum Schlafschiff fliegen. Oder zum Spielschiff. Oder zum Mittagsschiff. Wohin sie will.
Jetzt gerade will sie nirgendwo hin, jetzt ist Schule.
„Wer kennt ein Gedicht?“, fragt sie die Engelchen.
Bruno meldet sich. „Ich weiß ein Gedicht, das sag ich nicht!“
„Dooooch, Bruno!“, betteln die anderen Engelchen.
„Ich sag es nicht. Das war das Gedicht,“ sagt Bruno.
Die Engelchen lachen.
„Ich sag es bald – im grünen Wald“, kichert Bruno.
„Hier gibt’s keinen Wald“, ruft Engel Malfriede streng.
„Drum sag ich’s nie, kikeriki!“, kräht Bruno.
Die Engelchen sind begeistert. Sie springen auf und hüpfen krähend herum.
„Bin ich denn auf dem Hühnerhof?“, ruft die Engelslehrerin. „Setzt ihr euch wohl sofort wieder hin, ihr Küken!“ Sie schlägt und knattert mit den Flügeln, um den kleinen Engelchen Angst zu machen. Weil Engel Malfriede aber Flügel hat, mit denen man überall anstößt, stieben bei jedem Flügelschlag Wolkenfetzchen auf, als würde es schneien.
„Hui, es schneit!“, jubeln die Engelchen und versuchen die Flöckchen zu fangen.
Engel Malfriede regt sich darüber sehr auf und schlägt noch heftiger mit den Flügeln. Die Wolkenfetzchen fliegen immer dichter, wie dickes, weißes Schneetreiben. Die Engelchen sausen herum und fangen Flöckchen und haben es so lustig wie auf dem Spielschiff.
„Ich sag es nie, kikeriki!“, krähen sie ausgelassen.
Engel Malfriede kann ihnen heute leider gar nichts beibringen. Nicht, wie man durch Wände geht. Nicht, wie man ordentlich fliegt. Oder beim Landen nicht umkippt. Oder sich unsichtbar macht. Auch nicht, wie man Gedanken liest. Oder damit rechnet, dass ein Erdenkind plötzlich aus der heißen Teekanne trinken will. Überhaupt: dass es Erdenkinder und Teekannen gibt und wie alle die anderen Sachen auf der Erde heißen. Nichts lernen die Engelchen heute. Vor lauter Kikeriki, Kikeriki!


Bruno Riesenhummel

Das Schulschiff hält über einem Kindergarten an.
„Ihr dürft zur Bordwand kommen und runterschauen!“, sagt  Engel Malfriede und schiebt mit langem Arm den Wolkenteppich zur Seite.
Unten steht der Kindergartenengel am offenen Fenster und winkt heimlich herauf. Die Erdenkinder sitzen um den Tisch und merken nichts davon.
Die Engelchen staunen über die vielen Spielsachen der Erdenkinder. Bauklötze, Puppen, Häuser, Straßen, Autos – und was für eine Menge Tiere!
„Das sind Kuscheltiere“, erklärt Engel Malfriede. „Häschen und Bären und Löwen und Tiger. Ihr seht ja, ein ganzer Zoo.“
„Ein Zoo, hoho, soso!“, reimt Bruno.
Aber die Engelchen hören ihn nicht, sie haben im Kuschelzoo einen Dinosaurier entdeckt und wollen wissen, was das ist.
Bruno findet Stofftiere nicht so spannend. Er guckt lieber, was die Kinder machen und was die Erzieherin tut, die füllt nämlich dampfenden Tee aus einem Topf in eine Kanne um. Sie stellt die Kanne auf den Schrank. Den leeren Topf trägt sie wieder hinaus. Die Kinder sitzen am Tisch und malen. Plötzlich steht ein Erdenjunge auf. Es ist Niklas. Er geht zum Schrank und probiert, ob er an die Teekanne rankommt. Er stellt sich auf die Zehenspitzen. Er hat vorher schon mal vom Ausgießer der Kanne getrunken, aber da war noch kalter Tee drin gewesen.
Bruno sieht, wie der Junge den Ausgießer packt.
„Halt!“, schreit Bruno. „Heiß!“ Vor Schreck beugt er sich weit über die Bordwand – und fällt. Die Engelchen quieken entsetzt auf. Bruno stürzt genau durch das Wolkenloch. Wie ein Pfeil fliegt Engel Malfriede hinterher. Von unten kommt im selben Moment der Kindergartenengel. Beide wollen Bruno packen. Sie stoßen – pomm! – zusammen.
Bruno purzelt weiter. Er schlägt wild mit den Flügelchen, er rudert mit Armen und Beinen. Die Flügelchen schimmern im Sonnenlicht, denn Bruno hat noch nicht gelernt, sich unsichtbar zu machen. Wie eine goldene Hummel taumelt er am offenen Kindergartenfenster vorüber.
„Ui!“, schreit das Mädchen Lena und zeigt zum Fenster.
„Was?“, rufen die anderen Kinder.
„Eine Riesenhummel, ich hab eine Riesenhummel gesehen, eine goldene!“, kreischt Lena.
Niklas fährt bei dem Geschrei herum. Sein Glück! So ergießt sich der heiße Tee nur über den Schrank. „Aua!“ Niklas zieht seine Zehen weg. Er schüttelt die Hand und heult. Er kriegt eine schreckliche Ahnung davon, was soeben beinahe passiert wäre.
Ohne Bruno wäre es bestimmt geschehen, denn der Kindergartenengel hat überhaupt nicht aufgepasst.
Die Kinder laufen zum Fenster. Aber sie sehen nichts.
Sie können nichts sehen, weil Bruno längst im Gras gelandet ist und der Kindergartenengel sein unsichtbares Gewand über ihn gebreitet hat.
„Wo soll eine Riesenhummel sein?“, rufen die Kinder am Fenster.
„Eine Riesenhummel?“ Bruno zappelt und strampelt unter dem Gewand. „Ich will auch eine Riesenhummel sehen!“
„Psst“, flüstert der Kindergartenengel. „Mund halten, du kleiner Engelsbraten, verflixt! Und liegst du wohl still, bis sie vom Fenster weg sind!“


Bruno lernt fliegen

Wenn man auf einem Wolkenschiff wohnt, sollte man gut fliegen können. Deshalb haben die kleinen Engelchen fast jeden Tag Flugstunde. Engel Malfriede nimmt ein Engelchen nach dem anderen um die Mitte und hält es in die Luft.
„Ich werfe dich hoch“, sagt Engel Malfriede. „Du breitest deine Flügelchen aus und schlägst mit ihnen. So werden sie schön kräftig. Hab keine Angst, du landest sicher auf dem Schiffsboden. Für alle Fälle ist ja der Wolkenteppich unter uns. Denn wenn dich wirklich der Wind packt ... Und nun los!“ Engel Malfriede wirft ein Engelchen hoch. Hui! Und dann das nächste.
Bruno, der schon vom Wolkenschiff bis hinab zur Erde gesegelt ist, wenn auch nur aus Versehen, Bruno findet den kleinen Schubs langweilig. „Mehr! Höher!“, sagt er.
„Bitte, heißt das“, sagt Engel Malfriede streng.
„Bitte!“, sagt Bruno. „Bitte, viel höher!“
Engel Malfriede gibt ihm einen kräftigen Schubs.
„Hui!“, jauchzt Bruno. Er flattert über das halbe Schiff und landet auf seinem Popo.
„Ich auch! Ich auch!“, betteln die anderen Engelchen. „So hoch wie Bruno! Bitte!“
Engel Malfriede schüttelt den Kopf. „Solange ihr nicht richtig auf den Füßen landen könnt ... Nein, nein, nein, jetzt wird geübt!“
Zuerst maulen die Engelchen. Aber dann geben sie sich Mühe. Es ist nämlich gar nicht einfach, schön auf den Füßen zu landen, wenn man aus der Luft kommt; man wackelt hin und her, man fällt auf die Nase, man fällt auf den Popo.
„Hinten anstellen! Noch einmal!“, ruft Engel Malfriede.
Bruno landet diesmal auf seinen Füßen.
„Gut!“, sagt Engel Malfriede und übt dann nur noch mit den Engelchen, die es nicht können.
Bruno langweilt sich wieder mal. Er spaziert um den Mast herum. Am Mast hängt das Segel. Wenn der Wind hineinfährt, bläht sich das Segel. Aber jetzt schlägt es Falten wie ein feuchtes Geschirrtuch. Denn der Wind hat heute verschlafen. Er liegt hinter einer dunklen Wolkenwand und schnarcht. Die Wolkenwand kriegt eine Beule und fällt wieder zusammen. Chchrr .... Chchrr ...
Um die Beule besser sehen zu können, klettert Bruno den Mast hoch.
Gerade als er oben ist, platzt die Beule. Der Wind pustet durch das Loch und mitten hinein ins Segel. Das Segel schlägt und flattert und knallt Bruno um die Ohren. Er lässt vor Schreck den Mast los und wirbelt durch die Luft.
„Ui, verflixt!“, jammert Engel Malfriede. „So hoch hab ich dich doch gar nicht geworfen!“
Bruno macht dreizehn Purzelbäume beim Landen.
„Halt, halt, halt!“, ruft Engel Malfriede. „Wir sind hier nicht beim Zirkus! Alle zu mir, Schluss für heute!“
Die Engelchen müssen sich an den Händen fassen, acht auf jeder Seite von Engel Malfriede. Engel Malfriede greift sich die beiden Engelchenreihen und verlässt mit den Engelchen das Schulschiff.
Hui, ist Fliegen schön!




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