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Irma Krauß - Freie Autorin vorwiegend im Bereich Kinder- und Jugendbücher
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Tante Doras Killerblick




Leseprobe

Geheimtreff

Daniel sitzt mit Conny auf dem Schillerstein. Der Schillerstein steht vor der Schule. Er ist hoch wie eine Säule und breit wie ein Grabstein. Drei Wörter sind hineingehauen: Friedrich-Schiller- Gymnasium. Man kann sie lesen, wenn man auf der Autobahn an der Schule vorüberfährt. Hinter dem Schillerstein wächst zum Glück ein schöner, dicker Baum. Sonst wären Daniel und Conny vom Direktorat aus zu sehen und würden schneller runterfliegen, als sie bis drei zählen könnten.
Will man hinaufkommen, muss man lang und sportlich sein. Conny, das Mädchen mit den roten Locken, ist auf keinen Fall lang, Daniel hat sie hinaufziehen müssen.
"Angefangen, Conny, hat die Sache mit einem Brief. Der Brief war von Onkel Ludwig. Aber es ist eine total verrückte Geschichte."
"Gut", sagt Conny.
"Eine unheimliche."
"Fein", sagt Conny.
"Ich meine, du kriegst vielleicht Angst!"
"Umso besser", sagt Conny.
Daniel beäugt sie. "Also, pass auf. Begonnen hat die Sache ..."
"... mit einem Brief von Onkel Ludwig", stöhnt Conny und fängt zu schnarchen an.
"Okay, okay", sagt Daniel. "Der Brief ... Aber kommst du auch wieder? So oft, bis ich alles erzählt habe?"
Conny guckt sich die Welt rings um den Schillerstein an. Grüner Rasen. Niemand hier. Der Pausenhof geht nach der anderen Seite der Schule. Dies hier ist die Vorzeigeseite. Für alle Fremden, die auf der Autobahn vorbeirauschen und denen es in Wirklichkeit egal ist, dass das eine Schule ist, die Friedrich-Schiller-Gymnasium heißt.
"Du hast die Geschichte wirklich noch keinem Menschen erzählt?"
"Ich schwöre." Daniel hebt die Hand.
"Dann fang an", sagt Conny.


Der Brief

Ich hörte den Brief auf den Flurboden fallen und lief zur Tür. Mit fünf, Conny, rennt man eben noch für jede Kleinigkeit. Lesen konnte ich nicht. Aber ich erkannte Onkel Ludwigs Schrift und sah die Sondermarken, die er immer für meinen Vater aufklebte. Der Brief selbst war natürlich für meine Mutter bestimmt, denn sie ist ja Onkel Ludwigs allerliebste Christine gewesen.
Die allerliebste Christine setzte sich mit dem Brief auf einen Stuhl. Sie runzelte die Stirn. "Wackelige Schrift", stellte sie fest. "Oje, nun wird er aber alt ..."
Im Brief stand manches, auch ein Gruß für mich. Ich erkannte meinen Namen an den Druckbuchstaben, die Onkel Ludwig extra gemalt hatte, DANIEL, neben einer Reihe von Männchen. Die Männchen waren, wenn man genau hinsah, Notenschlüssel und hatten Hüte auf, sie standen auf einem Bein und hatten eine Socke oder einen Schuh an, total witzig - wenn du weißt, wie eintönig Notenschlüssel sonst sind, Conny. Mir fiel mein Klavierheft ein. Ich lief ins Wohnzimmer hinüber. Ich malte Hütchen auf alle Notenschlüssel und zog ihnen Socken an. Solche Sachen machst du mit fünf.
So kriegte ich nicht mit, dass Christine den Brief zwanzigmal las. Das hat sie jedenfalls hinterher behauptet.
"Wir sollen es mit dem Auto abholen", erzählte sie mir und meinem Vater mit heller, aufgeregter Stimme. "An meinem Geburtstag! Es kann nicht mit der Post geschickt werden, schreibt Onkel Ludwig. Aber er sagt nicht, WAS ES IST!"
"Sein Klavier vielleicht?", überlegte mein Vater.
"Rainer!", schrie meine Mutter. "Onkel Ludwig ist alt, aber nicht vertrottelt! Wer transportiert denn ein Klavier auf dem Rücksitz vom Auto!"
"Öh, richtig. Aber ich hätt's dir gegönnt", sagte mein Vater. "Wo ihr doch nur den alten Klimperkasten habt, du und der Dani."
"Vergiss es", murmelte meine Mutter. Ihre Laune war gekippt.
"He, Stina", versuchte mein Vater sie aufzumuntern. "Auch wenn es nicht das Klavier ist: Onkel Ludwig schenkt dir schon keinen Schrott zum dreißigsten Geburtstag."
Ich meldete mich auch mal zu Wort. "Auf dem Rücksitz hat kein Klavier Platz, da bin doch ich! Wie weit ist es überhaupt?"
"Fünf bis sechs Stunden Fahrt", sagte meine Mutter. Sie sah nicht heiterer aus. "Was weiß denn ich. Es ist jedenfalls elend weit zu Onkel Ludwig."
So eine Laune! Und nur, weil es nicht das Klavier war. Onkel Ludwig hätte besser mir etwas zum Geburtstag geschenkt, ich hätte mich wenigstens gefreut, dachte ich.
Was für ein ungeheurer Irrtum das war, habe ich natürlich nicht gewusst.


Geheimtreff

Conny lässt sich von Daniel wieder auf den Schillerstein helfen.
"Ich weiß zwar nicht", keucht sie, "warum ich deine Geschichte zuerst überschlafen sollte, bevor ich den Mund aufmache. Aber okay ... Du hast letztes Mal gesagt, deine Mutter sei Onkel Ludwigs allerliebste Christine gewesen - lebt sie nicht mehr?"
"Sie schon, aber Onkel Ludwig nicht", sagt Daniel.
"Ach so. Und dann die Notenschlüsselmännchen - Mann, warum erzählst du mir so was Unwichtiges?"
Daniel zieht die Augenbrauen zusammen. "Unwichtig, was? Dass Onkel Ludwig ein witziger Typ war und für Kinder etwas übrig hatte, findest du unwichtig?"
"Mhm", nickt Conny.
"Was wichtig und was unwichtig ist, bestimmt der Erzähler!"
"Na dann, bestimme weiter", sagt Conny ergeben. Sie legt den Kopf in den Nacken. Ihre roten Locken berühren beinahe den Stein.
"Gut. Jetzt kommt ein Koffer voller Flöten."
"Was?"
"Wirst du gleich hören."


Onkel Ludwigs Koffer

Onkel Ludwig war gar nicht mein Onkel, musst du wissen. Auch nicht Rainers Onkel. Noch nicht einmal Christines Onkel. Er war einfach ein entfernter Verwandter. Er ist Musiker gewesen. Kein besonders guter, kein berühmter, dafür aber ein begeisterter. Einer, der nach vierzig Jahren Violaspielen die Musik noch immer geliebt hat.
Als er alt war und nicht mehr arbeiten musste, ging Onkel Ludwig auf Reisen. Er nahm den Zug und besuchte alle Verwandten, die er finden konnte. In seinem Koffer hatte er: ein Nachthemd. Sein Rasierzeug. Ein paar Unterhosen. Eine Menge Ersatzsocken.
Und neben dem normalen Kram noch etwas Ungewöhnliches: ein Dutzend Blockflöten.
Onkel Ludwig hat nicht auf ihnen gespielt, er hat sie auch nicht verkauft oder so was, Conny. Nein, er hat in jeder Familie, in der es Kinder gab, eine Flöte zurückgelassen.
Ein halbes Jahr später kam er dann wieder. Das einzige Kind, das auf der Flöte spielen konnte, war Christine, meine Mutter. Christine, meine Mutter, war eben besonders. Ein Musik-Freak, verstehst du. Am liebsten wäre ihr Klavier gewesen. Und am allerliebsten Cello. Aber weil sie nur eine Flöte besaß, spielte sie eben Flöte. Sie war damals zehn.
Onkel Ludwig, der sie mit der Flöte getestet hatte, besorgte ihr ein gebrauchtes Klavier, einen ziemlichen Klimperkasten, für mehr reichte sein Geld nicht. Er ernannte meine Mutter zu seiner allerliebsten Christine und kam einmal im Jahr zu Besuch. Wenn sie ihm vorspielte, strahlte er wie ein Sahnekringel. Er versprach ihr, dass sie nach seinem Tod sein gutes Klavier erben sollte. Er sah sie heranwachsen und lernte auch ihren Freund kennen.
Als Christine und Rainer heirateten, erschien Onkel Ludwig zur Hochzeit. Und als ich unterwegs war, bezahlte er das ganze Babyzeug. Zu meinem vierten Geburtstag brachte er eine Klavierschule für kleine Kinder mit. So, Conny, nun weißt du, wie lange ich schon Klavier spiele. Aber frag mich heute nichts weiter, ich muss jetzt schleunigst zur Klavierstunde!


Geheimtreff

"Hatte Onkel Ludwig Schweißfüße?", erkundigt sich Conny, nachdem Daniel sie hochgezogen hat.
"Hä - wieso?"
"Wegen der vielen Ersatzsocken."
"Nicht dass ich wüsste", sagt Daniel. "In jeder Socke war eine Flöte."
"Waren die Socken da schon getragen?", fragt Conny.
"Mensch", stöhnt Daniel, "ist das denn wichtig?"
Conny nickt. "Für mich schon. Ich würde auf keiner Blockflöte spielen, die in einer Schweißsocke gesteckt hat. Vielleicht hat von allen Kindern nur die allerliebste Christine eine frische Socke erwischt ..."
"Soll ich dich runterwerfen?", droht Daniel.
Conny kichert, dass ihre Locken hüpfen. "Hast du die Schweißfüße von ihm geerbt? - Aua!" Sie windet sich aus Daniels Griff und lacht sich kringelig. "Entschuldige, Onkel Ludwig war ja gar nicht dein richtiger Onkel, dann musst du auch keine Schweißfüße geerbt haben ... Nein, wirf mich nicht runter, Daniel, bitte, bitte, ich hör ja schon auf."
Aber kaum hat Daniel sie losgelassen, da lacht sie schon wieder. "Seit wann schläft ein Mann im Nachthemd?"
"Onkel Ludwig hatte eben seine Eigenarten", sagt Daniel.


Warum Onkel Ludwig allein reiste

Einen Tag vor Christines Geburtstag erfuhr ich Onkel Ludwigs Geschichte. Durch Zufall, Conny, rein aus Versehen. Es war während der langen Autofahrt zu Onkel Ludwig. Meine Eltern hatten vergessen, dass ich hinter ihnen saß. Oder sie dachten, ich wäre eingeschlafen.
Rainer fragte Christine, warum eigentlich Tante Dora nie mit dabei war, wenn Onkel Ludwig zu Besuch kam.
So habe ich zum ersten Mal überhaupt von Tante Dora gehört. Ich hatte ja gar nicht gewusst, dass Onkel Ludwig verheiratet war.
Christine erzählte. Und ich spitzte die Ohren.
Also, Conny, Tante Dora konnte Onkel Ludwigs Verwandtschaft nicht ausstehen. Dabei kannte sie Onkel Ludwigs Verwandtschaft überhaupt nicht! Christine nicht, Rainer nicht und auch sonst keinen. Sie warf Onkel Ludwig vor, dass er ihre eigene Tochter Brigitte auch nicht leiden konnte. Brigitte, musst du wissen, war schon da, als Onkel Ludwig und Tante Dora heirateten, sie stammt aus Tante Doras erster Ehe. Tante Dora wollte dann keine weiteren Kinder mehr. Onkel Ludwig hätte zu gern eigene Kinder gehabt, aber mit Tante Dora war da einfach nichts zu machen.
Brigitte war schon erwachsen und zwischen ihr und Onkel Ludwig gab es von Anfang an Streit. Tante Dora half immer zu ihrer Tochter - man fragt sich, warum sie Onkel Ludwig überhaupt geheiratet hat. Erst als Brigitte einen Sohn bekam, wurde es vorübergehend etwas besser. Der Sohn hieß Klaus und Onkel Ludwig tat viel für ihn, Klaus war Tante Doras Enkel und damit praktisch auch sein Enkel. Er ist ein paar Jahre älter als meine Mutter, aber das nur nebenbei. Onkel Ludwig liebte ihn sehr.
Als Klaus klein war, wusste Onkel Ludwig noch nichts von Christine. Er ging erst auf Reisen, nachdem Tante Dora, Brigitte und Klaus ihn furchtbar enttäuscht hatten. Womit, tut nichts zur Sache. Tante Dora, Brigitte und Klaus waren sich ähnlich. Wie immer sie waren - sie nützten Onkel Ludwigs Gutmütigkeit aus, sie liebten ihn nicht.
Wenn man das weiß, muss man nicht mehr fragen, weshalb Tante Dora nie mit Onkel Ludwig zu seinen Verwandten reiste. Und warum sie auch keinen Besuch aus seiner Familie wollte.


Geheimtreff

"Drei Gründe, warum Christine Onkel Ludwigs Brief zwanzigmal gelesen hat!", ruft Conny nach oben, wo Daniel bereits sitzt. "Willst du hören?"
"Bitte", sagt Daniel.
Conny, den Kopf im Nacken, zählt auf: "Erstens, klar, fragte sich Christine, was das bloß für ein Geschenk sein wird. Zweitens wunderte sie sich, dass man Onkel Ludwig plötzlich besuchen durfte. Drittens war sie neugierig wie sonst was - auf Tante Dora!"
Daniel legt sich auf den Bauch und zieht Conny hoch.
Conny schüttelt die roten Locken aus dem Gesicht. "Und, Daniel, sagst du mir heute, warum wir uns ausgerechnet hier treffen?"
"Heute noch nicht", sagt Daniel. Er schaut düster drein. "Von wegen neugierig! Schiss hatte Christine vor Tante Dora."


Die schwarze Tante

"Ich hab Angst vor Tante Dora", sagte Christine im Auto zu Rainer.
"Hoffentlich ist sie gestorben", ließ ich mich vom Rücksitz her vernehmen.
Sie fuhren erschrocken herum.
"Die blöde Tante Dora soll tot sein", sagte ich.
Nun, ich war eben erst fünf.
Ich bin dann doch noch im Auto eingeschlafen. Sie mussten mich nach der Ankunft wecken. Ich war müde und nicht gut drauf. Ich wollte nicht in das dunkle, alte Haus. Es war ein kalter, grauer Wintertag, alles war mir fremd und nicht einmal meine Eltern waren wie sonst. Sie hatten keine Geduld mit mir, sie waren selber nervös.
Tante Dora öffnete uns. Ein schwarzes Zelt ragte vor mir auf: ihr Kleid. Es endete oben an einem weißen Wulst: ihrem Doppelkinn. Im Gesicht hatte Tante Dora einen Strich: den Mund. Ihre Augen schauten streng über mich hinweg und nur für einen Moment zu mir herunter, wovon sie aber auch nicht freundlicher wurden.
Mit fünf war ich an ganz andere Blicke gewöhnt. Am wenigsten an Killerblicke, noch dazu von einer Tante, die so breit und so hoch war wie ihre Tür. Kaum dass Onkel Ludwig ihr über die Schulter sehen konnte.
Er lachte freundlich wie immer. Aber ich drehte mich bereits um und versteckte mich hinter meiner Mutter.
Man musste mich mit Gewalt in die Wohnung schieben.
An den Fenstern hingen vergilbte Gardinen, die kein Licht und keine Luft hereinließen. Es roch wie in einem Moderkeller. Die Möbel hatten die Farbe von Tante Doras Kleid.
Christine schien das alles nun doch nichts auszumachen. Sie redete und lachte mit Onkel Ludwig und spielte auf seinem Klavier. Dann zog sie meine Klavierschule heraus. Aber sie kriegte mich nicht dazu, das Stück vorzuspielen, das ich für diesen Tag extra eingeübt hatte.
Tante Dora schaute mich an, als hätte sie sowieso schon gewusst, dass ich ein Giftbraten war. Sie sagte es übrigens auch. Und zwar, als ich den Kuchen nicht essen wollte, den Onkel Ludwig vom Bäcker hatte bringen lassen.
Nachts legten sie mich auf zwei Sessel, die sie zusammengerückt hatten. Rainer und Christine schliefen auf dem Sofa. Mitten in der Nacht rutschten meine Sessel auseinander und ich knallte zu Boden. Es war stockdunkel. Ich wusste nicht, wo ich war und was geschehen war, ich schrie wie am Spieß.
Am nächsten Tag, dem Geburtstag meiner Mutter, konnte man mit mir gar nichts mehr anfangen. Onkel Ludwig malte Männchen für mich, aber ich schaute nicht einmal hin.
"Was für ein ekelhafter Junge", sagte Tante Dora. Sie war über Nacht noch gewachsen. Wie in einem Horrorfilm.


Geheimtreff

"Mit der miesen Tante kannst du jetzt aber nicht aufhören, Daniel!", protestiert Conny.
"Kann ich nicht?"
"Bitte nicht. Außerdem kommt doch wohl endlich das Geburtstagsgeschenk!"
"Na schön ..."
"Und lass dir Zeit. Ich hab's nicht eilig."


Das Geburtstagsgeschenk

Endlich war es so weit. Christine musste sich auf einen Stuhl setzen und warten, während Onkel Ludwig feierlich ins Schlafzimmer hinüberschritt.
"Ein Geburtstagsgeschenk?", sagte Tante Dora. "Davon weiß ich ja gar nichts." Sie blies ihr Doppelkinn auf.
Onkel Ludwig kam mit einem abgewetzten braunen Sack zurück. Oben ragte ein geschwungener Holzhals heraus und unten ein langer Metallstachel.
"Nun, meine allerliebste Christine", fing Onkel Ludwig an.
Christine kriegte Riesenaugen. "Ist das ein ...?"
"DAS IST MEIN CELLO", sagte Tante Dora. Sie saß sehr gerade vor dem trüben Fenster, ihre Stimme war laut, ihr weißes Doppelkinn schwang bei jeder Silbe mit.
"Falsch", sagte Onkel Ludwig ruhig. "Es ist meines. Du hast es nur gespielt. Aber seit zwanzig Jahren nicht mehr. Denn es war verliehen und wurde jetzt zurückgegeben."
"Es ist mein Cello", wiederholte Tante Dora mit derselben Stimme. Dann stand sie auf. Sie füllte das ganze Zimmer aus. Sie war wie eine Sonnenfinsternis und passte kaum durch die Tür, als sie endlich ging.
Onkel Ludwig achtete nicht auf sie. Er zog das Cello aus dem Sack und ließ es auf dem Stachel tanzen. Das dunkle Holz glänzte.
Ich staunte diese Monstergeige an und fragte mich, wie man sie sich unters Kinn klemmen sollte. Mit dem Stachel konnte man sich ja glatt durchbohren!
"Aber ... ich kann gar nicht Cello spielen", flüsterte Christine.
"Du lernst es", sagte Onkel Ludwig, "du bist begabt. Einen Bogen hab ich auch für dich." Er wickelte ihn aus einem Tuch, während sich Christine das Cello zwischen die Knie klemmte. So funktionierte das also!
Bei den ersten Tönen, die sie kratzte, lachten wir. Aber als Tante Dora zurückkam, hörte ich plötzlich, was für grausame Töne es waren, zum Ohrenzuhalten.
Tante Dora sagte nichts. Ihr Doppelkinn schwang und bebte stumm, wie von gedachten Sätzen. Nur einmal machte sie noch den Mund auf. Das war, als Onkel Ludwig zu Christine sagte: "Ich hänge an meinem Klavier und brauche es noch. Aber wenn ich gestorben bin, lässt du es abholen."
"Unser Klaus ist Musiklehrer", dröhnte da Tante Dora. "Er bekommt das Klavier!"
"Aber sicher", sagte Christine erschrocken. Sie und Rainer schauten sich an, als wären sie lieber auf einer Eisscholle in der Antarktis als in Tante Doras Wohnzimmer. Ich konnte es ihnen nachfühlen. Ich wäre auch lieber auf einer Eisscholle gewesen.


Geheimtreff

"Jetzt hörst du doch mit der grausigen Tante auf!"
"Ich kann's nicht ändern, Conny. Themenwechsel, bitte."
"Gut." Conny nickt gedankenvoll. Dann legt sie plötzlich den Kopf schief. "Eh, Daniel, Ich wollte dich sowieso noch was fragen ..."
"Schieß los."
"An welche Blicke warst du denn mit fünf gewöhnt? An solche?" Conny spitzt ihre Lippen und klimpert mit den Augendeckeln.
"Also, du hast das vielleicht drauf!", sagt Daniel begeistert. Er rundet bereits seinen Arm, ungefähr als müsste er Conny vor dem Hinunterfallen bewahren.
"Aber nur, wenn ich will", sagt Conny und rutscht aus Daniels Reichweite. Sie lässt sich hinab, ohne seine Hilfe, und läuft davon.


Heimfahrt

Im Kofferraum hatten wir Klamotten und Stiefel liegen. Deshalb musste das Cello zu mir auf die Rückbank. Es steckte in seinem Sack. Der roch wie Tante Dora. Ich drückte mich ganz in meine Ecke. In einer scharfen Kurve schoss das Ding plötzlich auf mich zu. Ich riss die Arme vors Gesicht und schrie.
Christine stopfte Jacken und anderes Zeug rings um das Cello, damit es nicht mehr verrutschen konnte. Meine Jacke kriegte sie aber nicht. Da wurde sie sauer und fand plötzlich auch, dass ich unmöglich sei. Warum sie mich überhaupt mitgenommen hätten. Wo ich mich so aufführen würde.
"Das Cello stinkt", sagte ich laut.
Da holte sie aus und langte mir eine.
Später versuchte sie es wieder gut zu machen, während Rainer nur besorgt den Kopf schüttelte. Ich schob ihre Hand weg. Danach kriegten die beiden Streit. Christine weinte. Rainer grub die Zähne in die Unterlippe. Sie redeten nicht mehr miteinander. Ich stellte mich schlafend.
Der Cellosack stank scharf und modrig, kein Mensch hätte da einschlafen können.




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