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Irma Krauß - Freie Autorin vorwiegend im Bereich Kinder- und Jugendbücher
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Eine Freundin für Amelie




Kostprobe

Ponygesicht
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Als Sanna gestern zum ersten Mal in der Klasse stand, starrten alle sie an.
„Was will denn das Pony hier?“, tönte Fabian.
Über diesen blöden Witz mussten alle lachen, auch Amelie konnte es sich nicht verkneifen. Die Neue sah ja wirklich ein bisschen, na ja, wie ein Pony aus.
Herr Bachus schnitt das Gekicher mit einer Handbewegung ab. „Da ist sie“, sagte er fröhlich, „Sanna, eure neue Mitschülerin! Sie besucht für eine Weile unsere Schule. Sanna, willst du selbst erzählen, warum du hier bist?“
„Nein!“ Sanna klappte den Mund über ihren Riesenzähnen zu und stiefelte zum einzigen freien Tisch. Ihre Haare standen vom Kopf ab, als hätte sie in eine Steckdose gefasst. Sonst war alles an ihr mickerig. Und sie hatte komische Schlabbersachen an, die wahrscheinlich aus der Altkleidersammlung stammten.
„Kinder, Sannas Familie ...“, begann Herr Bachus. „Aber Sanna, willst du wirklich nicht selbst ...“
„Nein!“ Sanna bleckte die Zähne. Wie ein Pony, das gleich beißt.
Herr Bachus gab es auf. „Dann eben später“, sagte er. „Du wirst dich schon eingewöhnen.“
Sanna machte in jeder Stunde mit und schaute dabei stur nach vorn. Sie wurde oft gelobt, weil sie so viel wusste. Nur von Mathe, fand Amelie, hatte sie keinen Schimmer, sie brauchte also gar nicht so überheblich zu tun. Auch noch „Kinderkram“ zu murmeln! Diese Angeberin!
Von der ersten Sekunde an wusste Amelie, dass sie und Sanna keine Freundinnen werden würden. Ein solches Ponygesicht und dann auch noch eingebildet und angeberisch – wenn das nicht das Letzte war! Außer Petzen natürlich.
Dabei war es noch gar nicht das Letzte. Denn nach dem Unterricht baute sich Sanna vor Fabian auf und grinste ihn breit an. Fabian, diesen Kotzbrocken! Sie sagte laut und deutlich zu ihm: „Komm mit. Ich zeig dir was. Nur dir allein.“
Fabian glotzte. Er schluckte das Schimpfwort, das ihm auf der Zunge lag, einfach runter – etwas völlig Neues bei ihm. Sanna musste ihn hypnotisiert haben! Denn er stieß Kevin, Jan und Rollo beiseite und lief hinter ihr her. Ohne sich umzusehen drohte er seinen Freunden mit der Faust, dass sie es ja nicht wagen sollten ihm zu folgen.
So hat das gestern angefangen. Und heute Morgen vor der Aufsatzstunde hat Fabian noch schlimmer gepöbelt als sonst. Mit seinem Geheimnis hat er furchtbar angegeben. „Das erzähl ich doch nicht jedem Depp“, hat er gesagt und alle grob zur Seite gestoßen. Nur um Sanna ist er herumgeschlichen. Er ist extra an ihr vorbei zum Papierkorb gegangen, anstatt seinen Abfall in Amelies Tasche zu stopfen. Auf dem Rückweg hat ihm Sanna etwas zugesteckt, Amelie hat es genau gesehen. War das vielleicht  ein Liebesbrief? Also, damit hat Sanna nun wirklich ihre letzte Chance vergeben ins Freundschaftsalbum zu kommen.


Neuigkeiten
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Als Sekretärin beim Bürgermeister ist Amelies Mutter immer bestens informiert. Sie benützt heute ihre Nachrichten dazu, Amelie von der Grünkernsuppe abzulenken, die sie zum Mittagessen gekocht hat.
„Schätzchen, ich weiß was!“, sagt sie, während sie die Schöpfkelle eintaucht.
„Ich auch. Es gibt Grünkernsuppe“, faucht Amelie. Wie gemein von ihrer Mutter so was Ekliges zu kochen – und das, während Amelie ihr nichtsahnend und ausführlich von ihrem gelungenen Freundschaftsaufsatz erzählt hat!
„Tz tz tz, ich meine doch was ganz anderes“, sagt ihre Mutter. „Auf dem Platz hinter dem alten Lagerhaus hat sich ein Wanderzirkus niedergelassen – mit Tieren!“
„Sind Pferde dabei?“, ruft Amelie hoch interessiert.
Ihre Mutter nickt. „Ich glaube schon.“ Sie kippt die Kelle über Amelies Teller aus.
„Darf ich hin?“, fragt Amelie und nimmt schnell einen Löffel Suppe.
„Das ist kein normaler Zirkus mit einem Zelt, in dem die Vorstellungen stattfinden. Es ist ein Zirkus, der zu euch in die Schule kommt. In alle Schulen im Landkreis. Und jetzt fällt es mir wieder ein: Ein Pferd ist auf jeden Fall dabei!“ Ihre Mutter strahlt, weil Amelie die Suppe isst.
Dabei würde Amelie sogar von Fabians Pausenbrot abbeißen, wenn sie ein Pferd streicheln darf!
Ihre Mutter hat es jetzt eilig, sie muss wieder ins Amt. „Die Hausaufgaben nicht vergessen“, ermahnt sie Amelie.
Hausaufgaben, pah! Wer denkt denn an Hausaufgaben, wenn es ein Zirkuspferd zu sehen gibt! Amelie schwingt sich aufs Rad und fährt zum alten Lagerhaus. Das ist die üble Gegend an der ehemaligen Bahnstrecke, wo angeblich Ratten hausen – aber hat Amelie vielleicht ein klares Nein gehört, als sie um Erlaubnis bat? Hat sie nicht.
Der sonst leere Platz hinter dem alten Lagerhaus ist tatsächlich besetzt. Ein Jeep, ein Wohnwagen, ein Viehwagen und ein Pferdeanhänger stehen dort. Das ist allerdings nicht viel für einen Zirkus. Amelie sieht sich enttäuscht um. Da entdeckt sie die Koppel drüben bei den alten Gleisen. Mitten drauf steht ein wunderschönes Pferd!
Amelie fährt hin und wirft ihr Rad ins Gras. Das Pferd hat sie schon gesehen und trabt auf sie zu, bis dicht an die weißen Koppelbänder heran. Amelie streckt ihre Hand aus. Das Pferd stupst sie an und bettelt.
Vor Glück vergisst Amelie fast den Strom im Weidezaun. „Bist du schön“, flüstert sie und zieht einen der beiden Äpfel heraus, die sie extra eingesteckt hat. Es kitzelt, als das Pferd ihr den Apfel von der Handfläche nimmt und ihn krachend zerbeißt. Warum hat Amelie nicht einen ganzen Sack voller Äpfel mitgebracht?
„Was gibst du ihm da?“, fragt eine böse Stimme hinter ihr.
Amelie fährt herum.
„Ä...Ä...Äpfel“, stottert sie. Dieses Ponygesicht, das kennt sie doch, das ist ja Sanna! Sie führt eine Ziege am Strick!
„W...wo kommst du denn her?“, stammelt Amelie.
„Und du?“ Sanna bleckt ihre Zähne.
„Von zu Hause natürlich!“, ruft Amelie.
„Ich auch“, sagt Sanna und bindet die Ziege zwischen den Schwellen fest, wo eine Menge Unkraut wächst.
In dem Moment geht Amelie ein riesengroßes Licht auf: Sanna gehört zum Zirkus! Natürlich! Bestimmt hat sie Fabian hierher geführt und ihm alles gezeigt. Aber wie hat sie ihn nur dazu gekriegt nichts zu verraten? Er macht sich doch sonst immer schrecklich wichtig mit allem!
„Was hast du Fabian versprochen, damit er den Mund hält?“, platzt Amelie heraus.
„Eine Freikarte.“ Sannas Augen funkeln.
Was, eine Freikarte? Amelie blinzelt irritiert. Das ist ja nicht zu fassen und schon fast so schlimm wie ein Liebesbrief! „Aber wieso gerade Fabian?“, ruft sie.
„Weil ich mir den Übelsten von euch kaufen wollte“, knurrt Sanna. „Wenn man den Schlimmsten auf seine Seite zieht, hat man wenigstens vor ihm seine Ruhe, kapiert? Er schikaniert einen nicht mehr, und die anderen trauen es sich dann auch nicht.“
Amelie schüttelt verblüfft den Kopf. Sich Fabian zu kaufen, darauf muss man erst mal kommen! Hoffentlich hat sich Sanna da nicht verrechnet – sie kennt Fabian noch nicht, der pöbelt doch immer weiter! Aber da ist noch etwas.
„Den Schlimmsten?“, wiederholt Amelie. „Willst du vielleicht sagen, dass wir anderen auch schlimm sind?“
Sanna richtet sich kerzengerade auf. Ihre Augen durchbohren Amelie. „Seid ihr das etwa nicht? Habt ihr bei seiner tollen Begrüßung gewiehert oder nicht?“, sagt sie zornig.
„Äh ..., ja also, wir ... “ Amelie weiß nicht, was sie antworten soll. Keine Ausrede fällt ihr ein, und deshalb kann sie unter Sannas Blick nur die Augen niederschlagen. „Dein Pferd ist wunderschön“, murmelt sie, um das Thema zu wechseln.
„Ankor ist unser gewöhnlichstes Tier“, sagt Sanna steif.
Gewöhnlich? So ein schönes Pferd? Amelie ist baff. „Habt ihr denn noch andere Pferde?“, fragt sie.
Sanna verzieht das Gesicht. „Oh Mann, du bist ja vielleicht beschränkt, außer Pferden fällt dir wohl nichts ein! Unsere schönsten Tiere sind ...“
„Ja?“, bohrt Amelie nach. Beleidigt sein kann sie später immer noch.


Der Überfall
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Sanna dreht sich plötzlich um und läuft über den Platz zum Wohnwagen – dort hat nämlich ein Hund wütend zu kläffen angefangen. Sie öffnet die Tür, und ein Pudel flitzt heraus. Im selben Moment sieht Amelie eine Bewegung beim Viehwagen, jemand verschwindet dahinter! Ein lauter Schlag auf Holz – und dann ein schreckliches Kreischen, so furchtbar, dass Amelie zusammenfährt und sich die Ohren zuhält. Ankor stampft mit den Hufen. Er wirft den Kopf zurück und fängt an zu galoppieren. Aber dazu ist die Weide zu klein. Er springt im Kreis herum, dass Erdklumpen aufspritzen und Amelie vor Angst nicht weiß, was sie tun soll.




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