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Irma Krauß - Freie Autorin vorwiegend im Bereich Kinder- und Jugendbücher
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Timos wunderbare Fahrt nach Betlehem




Leseprobe: 3./4./5. Dezember
3 Die Reise beginnt

Als Erstes spürt Timo eine Katze, die um seine Beine streicht. Dann sieht er die Rakete in dem werkstattähnlichen Raum. "Was ist denn das?", fragt er.
Der Alte lächelt. "Das ist mein Geschenk. Eine Zeitmaschine. Sie bringt dich nach Betlehem."
Eine Zeitmaschine? So ein Spinner, denkt Timo. Und in Berlin, da gibt´s doch nur Dahlem, kein Betlehem oder wie immer der Stadtteil heißen soll. Trotzdem beguckt Timo sich neugierig die Rakete von allen Seiten. Den Sitz und die Kontrolllichter, die Kabelverbindungen und den Hebel, auf dem GO steht. Dann mustert er die mickrige Dachluke über sich und fängt zu grinsen an. "He, Frank, da geht deine Rakete aber nicht durch!"
Frank rührt in einem Doseneintopf, der bereits dampft. "Muss sie auch nicht", sagt er. "Eine Zeitmaschine hat ihre eigene Fortbewegungsweise. Meine Apollo Betlehem hat nur zufällig die Form einer Rakete. Aus Sentimentalität. Weil ich lange in der Raumfahrt gearbeitet habe."
"Du hast was?"
Der Alte nickt. "Ja. In Houston, im Weltraumzentrum. Nicht Armstrong, sondern ich sollte der erste Mensch sein, der ... Ach, Schwamm drüber. Du musst jetzt essen."
Das lässt sich Timo nicht zweimal sagen. Während er Bohnen und Fleisch in sich hineinschaufelt und vom Brot abbeißt, hört er mit halbem Ohr zu, was der verrückte Alte ihm erzählt.
"Du durchquerst 20 Jahrhunderte. In jedem Jahrhundert hältst du einmal an. Der erste Stopp ist ... Ach, du wirst es schon merken." Hier kichert Frank kurz in sich hinein. "Ein paar Stopps habe ich gezielt programmiert, die anderen sind dem Zufall überlassen. Du musst unterwegs nach dem Wertvollsten suchen, das du zum Stall mitbringen kannst. Unbedingt."
"Hä? Zu welchem Stall?", unterbricht ihn Timo.
"Störe mich nicht, ich hab nicht mehr viel Zeit. Was wollte ich noch sagen? Ach ja - vermisst dich jemand?"
"Mich?" Timo zieht ein Gesicht. "Nein, mich vermisst keiner."
"Dann ist es gut", sagt Frank. "Ich habe nämlich keine Rückkehr einprogrammiert. Die Reise war ja für mich gedacht und ich wollte dort bleiben. Ich hoffe, das macht dir nichts aus."
"Schon gut", lacht Timo. Was der Alte da quasselt ...
"Dann an Bord mit dir. Ich denke mal, es freut sich über deine grünen Haare und über die Elefanten auf deinem Anorak."
"Wer?", fragt Timo verblüfft. Er steigt in die Rakete.
"Na, wer wohl! Sitz still, damit ich die Kabel anschließen kann. Den GO-Hebel musst du zuletzt selbst umlegen. Ein unerträglich weißes Licht wird dich einhüllen. Aber hab keine Angst, es geht alles gut. Warte - nimmst du Miss Mausefang mit? Sie bleibt sonst ganz allein. Ich sterbe bald ..." Franks Hände zittern; kaum dass er die Katze noch heben kann. "Steck sie unter den Anorak. Und jetzt - GO!"
Timo legt den Hebel um. Ein weißer Blitz löscht sein Bewusstsein aus.


4 Schritte auf dem Mond

Timo steht in einem großen Raum und reibt sich die Augen. Sein Bauch ist ungewöhnlich dick und bewegt sich. Entsetzt zieht Timo den Reißverschluss auf - eine Katze! Die Katze ist nervös und denkt an Flucht. Geistesgegenwärtig stopft Timo sie in den Anorak zurück und streichelt ihren Kopf. "Psst, Miss - wie heißt du? Miss Mausefang, oder? Gib Ruhe, wir wollen hier nicht auffallen. Keine Ahnung, wo wir sind. Anscheinend war der Alte doch kein Spinner!"
Timo duckt sich in eine Ecke. Der Raum ist voll mit Computern und Menschen. Die Menschen sind in heller Aufregung. Sie lassen keinen Blick von den Bildschirmen und jubeln einer Funkstimme zu. "Ich bin am Ende der Leiter. Der Boden sieht sehr feinkörnig aus. Ich gehe jetzt von der Mondfähre herunter", sagt die Stimme auf Englisch und Timo versteht seltsamerweise alles. In diesem Moment begreift er, wo er ist: in Houston, Texas, im Raumfahrtzentrum! Die Fernsehbilder - das ist ja Armstrong, wie er als erster Mensch den Mond betritt! Irgendwo hat Timo das schon gesehen, auf Bildern. Wie der Mann im Raumanzug einen Schritt macht, alles in Schwarzweiß, mit langen Schatten.
"Ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein großer Schritt vorwärts für die Menschheit", sagt Armstrong eben.
Timo vergisst vorsichtig zu sein und zupft einen der Männer am Ärmel. "Sir? Was für ein Jahr haben wir?"
Der Mann dreht müde den Kopf. Er ist jung und er ist der Einzige, der nicht jubelt. Auf seinem Namensschild steht Frank Miller. "Welches Jahr? Du Scherzkeks! 1969 natürlich. Sag mal, wie kommst du überhaupt hier rein?"
"Ich verschwinde schon wieder", flüstert Timo. Dann fällt ihm sein Auftrag ein. "Kann ich irgendwas von hier mitnehmen, was Wertvolles?"
"Bist du verrückt geworden?"
"Ich muss doch! Bitte, sagen Sie mir, was Sie für das Wertvollste halten!"
"Einen Stein vom Mond", sagt Frank Miller geistesabwesend. "Ich wollte, ich ..." Er senkt den Kopf.
Timo benützt die Gelegenheit, um zu verschwinden. So traurig wie der Mann ist, wird er ihn hoffentlich sofort wieder vergessen. Timo will sich nämlich im Raumfahrtzentrum verstecken, bis Armstrong vom Mond zurückkommt - mit den Steinen, die er soeben vom Mondboden aufsammelt!
Timo findet eine vergessene Pappschale mit kalten Pommes und ein leeres Regalbrett in einem Putzraum. Er teilt die Pommes mit Miss Mausefang. Dann schlüpft er mit der Katze ins Regal. "Lass uns schlafen, Miss Mausefang", murmelt er. "Warten ist so langweilig."


5 Licht in der Nacht

Als Timo aufwacht, ist alles anders. Wo ein Regal über seinem Kopf war, wölbt sich jetzt der weite Nachthimmel, an dem die Sterne schimmern. Ein Hund bellt in der Nähe, sonst ist es still. Zwischen dunklen Bäumen sieht Timo schattenhaft ein paar Hausdächer. Die Luft riecht nach Herbst.
Miss Mausefang springt von Timos Arm. Sie macht einen Buckel und setzt die Pfoten vorsichtig auf den ungewohnten Grasboden. "Bleib bloß da", flüstert Timo, der nur noch ihre gelben Augen erkennt. "Ich glaube, ich seh ein Licht."
Er nimmt die Katze wieder hoch und geht zwischen den niedrigen, dunklen Häusern auf das eine beleuchtete Fenster zu. An dem drückt er sich erst mal die Nase platt.
Schweigende Männer sitzen um einen Tisch herum und starren eine Lampe an. Eine Frau in einem langen Rock geht umher und gibt jedem ein belegtes Brot. Der Anblick weckt Timos Hunger. Wie lange ist es her, seit er die Pommes gegessen hat? Hundert Jahre, wenn er nach dem geht, was ihm Frank vor Beginn der seltsamen Reise erzählt hat. Aber das kann doch wohl nicht sein! Timo ärgert sich jetzt, dass er nicht aufmerksamer zugehört hat. Wohin ist er überhaupt unterwegs? Nach Dah..., nein, Bet..., irgendwas wie Betlehem. Außerdem war die Rede von einem Stall. Und dass Timo das Wertvollste mitbringen muss, das er finden kann. Oje - das hat er jetzt verschlafen!
"Mist", murmelt Timo ins Fell der Katze, "ich hab keinen Stein vom Mond! Aber vielleicht ist der sowieso nicht das Wertvollste."
Er findet die Tür unverschlossen und geht in das Haus. Die Männer, die um die Lampe sitzen, rücken für Timo ein wenig auseinander. Einer schiebt ihm ein Brot zu. Erschöpfung zeichnet ihre Gesichter, aber auch Freude und große Spannung. Timos Nachbar zieht seine Taschenuhr. "Schon dreißig Stunden", sagt er.
Timo wagt mit vollem Mund zu fragen: "Was ist so Besonderes an der altmodischen Glühbirne da?"
"Dass sie nicht gleich wieder erloschen ist", wispert der Mann.
Die Frau meint: "Du kommst wohl vom nahen New York herüber? Wachsen euch dort jetzt schon grüne Haare? Aber eine Glühbirne habt ihr noch nicht. Denn die hat Mr Edison soeben erfunden!" Stolz zeigt sie über den Tisch. Der Herr dort neigt ein wenig den Kopf zum Zeichen, dass er Mr Edison ist. "Sein größtes Geschenk für die Menschheit! Elektrisches Licht", sagt die Frau.
"Äh", unterbricht Timo sie, "welches Jahr haben wir?"
"Na, du Dummchen, 1879 natürlich!"
Timo verschluckt sich beinahe. Der alte Frank hat also nicht geschwindelt! Alles, was er gesagt hat, stimmt. Auch dass die Reise in jedem Jahrhundert einmal unterbrochen wird, damit Timo das Wertvollste suchen kann.
Ihm kommt eine Idee. "Kann ich die Lampe haben?"
Da fangen sie am Tisch zu lachen an. "Schaut mal, der Grünkopf! Will Mr Edisons Wunderlampe haben, die´s nur einmal auf der Welt gibt, ha ha ha!"
Timo wird rot. "Ich hab schon mehr Glühbirnen gesehen, als ihr euch träumen lasst", sagt er trotzig. "Berlin ist voll davon."
Die Männer springen auf. "Raus mit dem kleinen Angeber", fauchen sie. Die Frau packt Timo und schiebt ihn zur Tür. "Verschwinde samt deiner Katze!"
Timo ist draußen. Er beschließt, den Morgen abzuwarten und kuschelt sich ins Heu einer Scheune. Dort erwischt Miss Mausefang die erste Maus ihres Lebens. Sie bringt sie zu Timo, um sie mit ihm zu teilen. Aber erstens mag Timo keine Mäuse essen und zweitens ist er bereits eingeschlafen.




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