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Irma Krauß - Freie Autorin vorwiegend im Bereich Kinder- und Jugendbücher
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Arabella oder Die Bienenkönigin




Leseprobe (Kapitel 1)
1

Wir sind umgezogen, von Augsburg hinaus aufs Land, in ein Kaff namens Lützelheim. Ich bin nicht gerade glücklich darüber. Nein, eher das Gegenteil. Ich vermisse die Stadt und meine Schule und meine Freunde. Außerdem muss ich im Moment beobachten, dass mein Vater spinnt. Wer vom Landleben nichts versteht wie er, sollte die Finger davon lassen. Also wirklich, er macht sich total lächerlich. Ich kann schon nicht mehr hinschauen und bin erst mal abgezischt. Jetzt sitze ich in der Baumfestung am Waldrand, von wo ich ihn leider noch immer ziemlich gut sehen kann.
Die Baumfestung ist mein bevorzugter Platz. Ich habe sie nicht gebaut, dazu bin ich noch nicht lange genug in Lützelheim. Sie gehört Jochen Sailer und seiner Truppe, sechs Jungen und einem Mädchen in Kampfanzügen, Schnürstiefeln und Militärkappen. Sobald die Sailer-Truppe in ihrer olivgrünen Tarnkleidung auftaucht, sollte ich schnell abhauen. Notfalls springe ich - es ist ja weiches Wiesengras da unten.
An unserem Garten geht ein Mann mit seinem Hund vorbei, hoffentlich sieht er nicht, was mein Vater da tut.
Es ist verdammt seltsam, auf dem Land zu leben. Immerhin haben drei Generationen meiner Familie in der Stadt gewohnt: mein Opa, mein Vater und ich. Mein Opa zog von Lützelheim freiwillig weg, als er etwas älter war als ich, so mit vierzehn. Er fing in Augsburg eine Lehre an und blieb für immer dort. Mein Vater ist in der Stadt geboren und aufgewachsen und war nur manchmal in den Ferien hier draußen in Lützelheim bei seinem Großvater.
Sein Großvater - also mein Urgroßvater - ist vor ein paar Jahren gestorben und hat meinem Vater das Grundstück vermacht. Daraufhin hat meinen Vater der Rappel gepackt mit Hausbauen, Aufs-Dorf-ziehen und so weiter. Meine Mutter hatte nichts dagegen. So kam es, dass die dritte Generation - also ich - wieder hier gelandet ist, und zwar unfreiwillig.
Ich könnte mich mit der Gegend ja durchaus anfreunden, wenn da nicht ein paar Dinge wären, die mir das Leben vermiesen. Zum Beispiel die Sailer-Truppe. Die nehmen keine Zivilisten auf. Ich bin ein Zivilist, weil ich keinen olivgrünen Kampfoverall habe und keine Militärkappe und keine Schnürstiefel.
Mein Vater, den ich darum angebettelt habe, wurde leider gleich zornig. Für solches Zeug gibt er ganz sicher kein Geld aus, hat er mir klargemacht. Das wäre ja noch schöner, wenn ausgerechnet er als Wehrdienstverweigerer seinen Sohn für militärische Spielchen ausstatten würde!
Meine Mutter hat mich auch sofort abblitzen lassen. Sie findet die Klamotten schrecklich, weil sie dabei an Krieg denken muss. "Dass die Jungs so rumlaufen wollen!", sagte sie und schüttelte sich. "Und Mädchen auch!"
Was heißt Mädchen - meine Mutter hat wahrscheinlich Arabella gesehen. Die ist dabei. Sonst keine. Arabella haben sie aufgenommen, weil sie sich die Klamotten angeschafft hat. Mich nehmen sie nicht auf.
Das ist das eine. Die andere nervige Sache ist, dass mein Vater ständig Arbeit für mich hat und dann auch noch so bekloppte. Vorhin ist er zum Beispiel mit zwei Pinseln aus dem Keller in den Garten gekommen, woraufhin ich mich vorsichtshalber hinter einen Busch geworfen hab. Von dort konnte ich beobachten, wie mein Vater sich suchend umschaute - garantiert nach mir - und wie er einen von den beiden Pinseln enttäuscht irgendwo ablegte.
Dann interessierte es mich doch, was er eigentlich vorhatte. Ich sah ihn von Baum zu Baum gehen und mit dem Pinsel in den Blüten rumfummeln. Das sollte einer verstehen!
"Was macht er da?", fragte ich flüsternd meine Mutter, die mit einem Eimer voll ausgerupftem Unkraut an mir vorbei zum Komposthaufen ging.
Sie sagte: "Die Blüten bestäuben. Sonst kriegen wir kein Obst. Du könntest ihm eigentlich helfen."
"Ich ... ich muss ...", stotterte ich. Mir fiel nichts ein. "Die anderen Jungs warten auf mich", log ich und haute einfach ab.
Ich bin ein Stück die Siedlungsstraße entlanggerannt, bevor ich den Fußweg zum Wald nahm und mich in einem Bogen von hinten an die Baumfestung heranpirschte. Wäre ich von uns aus geradewegs hingelaufen, hätte mein Vater mich sehen und zurückpfeifen können. Denn zwischen dem Waldrand und unserem Grundstück liegt nur eine große Wiese. Die Sailer-Truppe hängt irgendwo im Wald rum, ich hab sie vorhin hineinlaufen sehen. So kann ich es mir hier jetzt ungestört bequem machen.
Die Baumfestung könnte von mir sein, ehrlich. Auch ich hätte diesen dichten Baum ausgewählt. Schon deswegen, weil er der einzige im weiten Umkreis ist, in dem man Bretter befestigen kann. Und dann hätte ich die Bretter genauso mit Tannenwedeln getarnt und als Aufstieg drei Sprossen auf den Baumstamm genagelt. Und die umgedrehte Obstkiste als Sitz wäre mir bestimmt auch eingefallen. Deshalb sehe ich nicht ein, warum ich nicht hier hocken soll, wenn die Festung gerade sowieso nicht bewohnt ist.
Mein armer, geistesgestörter Vater tupft noch immer mit seinem Pinsel in den Blüten rum. Jetzt steht er dazu auf einem Stuhl. Also, wir haben in der Schule gelernt, dass die Blüten von Insekten bestäubt werden, von Bienen und so. Wenn mein sonst so kluger Vater das nicht weiß, sollte er lieber wieder in die Schule gehen.




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