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Irma Krauß - Freie Autorin vorwiegend im Bereich Kinder- und Jugendbücher
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Meerhexe (gebunden)




Kostprobe aus Kapitel drei:
Von einem armen Schwein (und noch zwei weiteren)

Ulrich Falkenhauser ist im Februar neu an unserer Schule aufgetaucht, als Referendar für Musik. Es ist sein zweites Jahr als Lehrer. Er hat gerade erst sein Studium hinter sich. Deshalb kann man ihn rein äußerlich kaum von den älteren Schülern unterscheiden. Höchstens daran, dass er während der Pause nicht irgendwo rumknutscht, als Lehrer kann er das schließlich nicht machen. Und ehrlich gesagt wäre keine Lehrerin an unserer Schule als Partnerin dafür geeignet. Außer vielleicht Frau Mallich, aber auch die nicht. Sie ist zu alt für Ulrich. Normalerweise sollte der Mann älter sein, es dürfen ruhig zehn bis fünfzehn Jahre sein, habe ich im TV-Heft gelesen. Die Promis bringen es oft auf noch viel mehr. Daraufhin hab ich zu rechnen angefangen. Also, ich bin jetzt dreizehn (nicht mehr lange!) und Ulrich hat uns verraten, dass er fünfundzwanzig ist. Wenn ich mal im richtigen Alter von, sagen wir, achtzehn bin, ist der Altersunterschied zwischen uns immer noch zwölf. Von solchen Rechnungen wird mir richtig schwindlig!
Nur, wenn ich so an mir runterschaue, komme ich ganz schnell auf den Boden der Wirklichkeit zurück. Ulrich Falkenhauser wird mich wahrscheinlich nicht mögen.
Er hat sowieso die große Auswahl. Allein in meiner Klasse reißen sich fast alle Mädchen um ihn. Jede will Ulrich helfen, wenn er zum Beispiel ein Taktstöckchen schleppt. Jede guckt noch schnell in den Schaukasten vor der Tür zum Musiksaal, wo man sich spiegelt. Und frisch gewaschene Haare sind am Musiktag eine Selbstverständlichkeit.
Bei den Jungen nicht. Sie haben fettige Haare und glänzende Pickel, fallen wie Kartoffelsäcke in die letzte Sitzreihe und würden nicht mal dann einen Finger krumm machen, wenn Ulrich Falkenhauser statt des Stöckchens den Flügel tragen müsste. Krasser könnte der Gegensatz zu den Mädchen gar nicht sein. Denn die raufen sich auch um die vorderen Sitzplätze und würden am liebsten in Ulrich Falkenhauser reinkriechen.
Fünf von uns Mädchen machen dabei eine Ausnahme. Erstens Britta - sie nimmt es Ulrich bekanntlich übel, dass sie nicht singen kann. Zweitens Heidi - ihr fehlt´s an Selbstwertgefühl, glaube ich. Drittens und viertens Rahime und Aysun - die haben wahrscheinlich Angst, dass es jemand ihren Vätern erzählt, wenn sie Ulrich versehentlich angeschaut haben. Fünftens ich. Ich halte mich total zurück. Weil ich die Einzige bin, die Ulrich wirklich liebt und versteht (das ist mehr als verliebt sein) und es überhaupt nicht zeigen darf - eine mit meiner Figur kann sich Schmachtblicke einfach nicht leisten.
Heute haben wir von Franz Schubert gehört. Der war ein armes Schwein. (Ulrichs Worte; er dämpfte dabei die Stimme und schielte zur Tür.) Also, der arme Franzl hat ganz tolle Musik geschrieben, und fast niemand hat es gemerkt. Erst jetzt, wo er schon so lange tot ist, weiß man es.
An dieser Stelle hat uns Ulrich ein Klavierstück von Schubert vorgespielt, ein witziges, sodass sich einige von uns angeschaut haben, als wäre Klavier spielen gar nicht so übel. Es war eins dieser kleinen Stücke, die meine Mutter für die Konzertreise mit Kenneth vorbereitet, als Zugabe für ein begeistertes Publikum. Ich wusste sofort, dass Ulrich das beste davon ausgesucht hatte. Schlau von ihm! Sogar die Jungen kamen in ihren Stühlen hoch und fingen zu trampeln an.
Dann ist Ulrich gleich am Flügel sitzen geblieben und hat weitererzählt. Dass der Franzl klein und dick war und ein Mädchen geliebt hat, eine aus dem Kirchenchor, aber die hat einfach einen anderen geheiratet. Das war schlimm für ihn. Er hat keine mehr abgekriegt und ist auch ziemlich jung gestorben.
Ulrich guckte ein Weilchen auf die Tasten und es war mucksmäuschenstill im Raum. Dann sang er uns "Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus" vor. Ich kannte das Lied schon von Ken. Es ist eines von seinen ganz traurigen. Sowieso gehen fast alle Liebeslieder von Schubert schlecht aus.
Ulrich ist kein Supertenor wie Kenneth Smith. Trotzdem sind mir die Tränen gekommen. Ich musste mit meinem Taschentuch so tun, als hätte ich eine plötzliche Sommergrippe. Es fiel aber nicht weiter auf. Denn die Jungs prusteten los und tauchten wieder in ihre Stühle ab.
Diese Vollidioten!
Das Lied war allerdings keine kluge Wahl von Ulrich. Auch die Mädchen hatten ein Problem damit. Natürlich! Wenn man nicht daran gewöhnt war, dass im Wohnzimmer ein Tenor übt ...
Ulrich merkte es und brach in der zweiten Strophe ab. "Ich muss euch erst langsam mit Kunstliedern vertraut machen", murmelte er. Danach erzählte er uns, der Franzl sei so arm gewesen, dass er sich kein eigenes Klavier leisten konnte. Bei Freunden hat er gespielt und sich durchfüttern lassen. Außerdem hat er nie seine Brille abgenommen, nicht mal im Bett.
Hier kicherte die ganze Klasse los, ich auch. Mit der Brille schlafen, das war ja wirklich verschroben!
Einer von den Jungen hinter mir flüsterte, jetzt wisse er, warum das arme Schwein kein Weib abgekriegt hat.
Ulrich tat, als hätte er es nicht gehört. Er wiederholte das Klavierstück von vorher und mir fiel auf, dass aus einem witzigen Stück auf einmal ein zorniges wurde. Es kam auch nicht mehr so gut an wie zu Beginn der Stunde, die Überraschung war vorbei. Die Jungen blieben abgetaucht und die Mädchen hörten höflich zu.
In der Sekunde wusste ich es. Nämlich, dass ich die Einzige bin, die Ulrich liebt und versteht. Leider hat er keine Ahnung davon. Es ist sogar möglich, dass er meinen Anfall von Sommergrippe für albernes Gepruste gehalten und keinen Unterschied zwischen mir und den anderen Prustern bemerkt hat.
Dieser Gedanke peinigt mich noch während des ganzen Vormittags. Trotzdem male ich mir aus, wie Ulrich eines Tages wie durch ein Wunder darauf kommt, dass ich es bin, die ihn liebt und versteht, die ihn immer geliebt und verstanden hat, schon damals in der siebten Klasse, in der Schubertstunde ... Doch dann beunruhigt mich die Erinnerung an mein Prusten wieder und versaut mir das Vergnügen an meinem Tagtraum.
Geknickt gehe ich heim. Ich singe dabei "Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus" vor mich hin. Wahrscheinlich bin ich genau so ein armes Schwein wie der beklagenswerte Franzl Schubert, nur ohne Brille. Ich wünsche mir schon fast eine Brille, die würde ich dann auch zum Schlafen aufbehalten. Denn schließlich, wen interessiert es schon, wie ich aussehe? Noch dazu im Bett. Keiner, fürchte ich, wird sich jemals dafür interessieren, wie ich im Bett aussehe.
Ich mache noch einen Umweg über den Park und singe das Lied ziemlich laut, weil mich sowieso niemand hört. Dabei merke ich wieder mal, dass Singen einfach toll ist. Nur kann ich es nicht ungetrübt genießen. In meinem Kopf vermischen sich nämlich gerade sämtliche Personen: Ulrich und Kenneth und Franz Schubert und Torsten. Bei dreien von ihnen, denke ich düster, hab ich garantiert keine Chance. Und der Franzl ist schon tot.
Was nützt mir da meine gute Stimme?


*

Meine Mutter ist seit einer Woche auf Konzertreise in Frankreich und hat es nicht für nötig gehalten, uns ihren Zeitplan hierzulassen. Wo die Konzerte sind, wo sie jeweils wohnt, die entsprechenden Telefonnummern, das alles.
Mein Vater ist empört darüber, er versteht es nicht. "Hier könnte Gott-weiß-was passieren", sagt er alle zehn Minuten, "und sie ist nicht mal zu erreichen!"
Am Mittwoch hat sie ganz kurz von irgendwo angerufen und sich nur erkundigt, ob alles in Ordnung ist. Sie sei zwar schon bald wieder zu Hause, aber man könne ja nie wissen.
"Allerdings", hat mein Vater gefaucht, hinterher, denn während des Telefonats ist er nicht dazu gekommen, das war zu schnell vorbei.
Jetzt hängt er jeden Abend rum und ist deprimiert. Er mag nicht mit mir fernsehen und kontrolliert nicht mal, was ich gucke, sondern sitzt am Flügel und spielt traurige Sachen. Keine Schubertlieder wie meine Mutter und Ken, was anderes eben. Ich wusste gar nicht, dass es so viele traurige Stücke gibt.
Am Freitagabend schlendere ich hinüber ins Wohnzimmer und erzähle meinem Vater von dem witzigen Klavierstück, das uns Ulrich Falkenhauser in der Schule vorgespielt hat.
"Kann ich das mal von dir hören?", frage ich listig. Vielleicht ist es geeignet, ihn aufzuheitern.
"Ausgerechnet Schubert", murmelt er, als wäre es eine unerträgliche Zumutung, meine Bitte zu erfüllen. Er schüttelt den Kopf und hängt schon wieder trübe und schwer über den Tasten.
Ich raffe mich zu einem echten Opfer auf. "Oder sollen wir vierhändig spielen?" Daran hatte mein Vater früher immer Spaß. Es sind einfache Stücke, die Oma mir beigebracht hat. Bestimmt mache ich in jedem Takt mehr Fehler, als Noten drin sind, aber möglicherweise findet er ja gerade das lustig.
Anstatt zu strahlen und mich neben sich auf die Klavierbank zu ziehen und den Arm um mich zu legen, schaut mich mein Vater an, als hätte er noch nie etwas von vierhändigen Klavierstücken gehört.
"Willst du denn?", fragt er schließlich.
Ich nicke tapfer.
Er seufzt. "Dann bring die Noten."
Verflixt. Mir fällt ein, dass ich die Noten Oma zurückgegeben habe. "Äh, ich hab sie nicht mehr."
Mein Vater guckt mit einem gequälten Ausdruck durch mich hindurch. Nicht wegen der Noten. Die hat er längst vergessen.
Ich schleiche geknickt davon. In meinem Zimmer läuft noch der Fernseher. Ich zappe ein bisschen herum. Da höre ich plötzlich von drüben Töne, die mir durch Mark und Bein gehen, schwere, tödliche Akkorde: der Trauermarsch von Chopin!
Ich stürze ins Wohnzimmer.
"Was ist passiert? Ist was mit Mama?", schreie ich aufgelöst.
Mein Vater spielt den ganzen verdammten Trauermarsch zu Ende (und der dauert länger als eine Beerdigung), bevor er murmelt: "Wer weiß. Würden wir´s denn überhaupt erfahren?"
Ich setze mich neben ihn auf die Klavierbank und rücke ihm so lange auf den Pelz, bis er endlich auftaut und mich in den Arm nimmt. Er nuschelt mir in die Haare: "Ach, Lenchen. Ich vermisse sie so."
"Aber du hast doch noch mich", nuschle ich zurück.
Eine Weile sagt er nichts. Und dann: "Ja, ich habe dich. Was für ein Glück." Er gibt mir einen Klaps. "Was hältst du davon, wenn wir uns eine schöne Pizza in den Herd schieben?" Er schaut mir erwartungsvoll ins Gesicht, als wäre ich die Deprimierte.
"Hm", mache ich. "Hast du vergessen, dass wir schon Spagetti Bolognese zum Abendessen hatten?"
"Ja, und?", sagt mein Vater und steht entschlossen auf. "Jetzt hab ich eben Hunger auf Pizza. Und du auch, gib´s zu!"
Nun ja, ich kann eigentlich immer eine Pizza verdrücken. Und die Spagetti liegen schon länger als zwei Stunden in meinem Magen. Das, was von ihnen noch übrig ist.
Während wir vor dem Herd auf die Pizza warten, gesteht mir mein Vater, dass er in Wirklichkeit ein Frustesser ist. Er schaut schmerzerfüllt auf sein Bäuchlein nieder. Dass er eben dauernd futtern muss, wenn meine Mutter weg ist, sogar mitten in der Nacht. Und dass er diese Woche schon fast drei Kilo zugenommen hat. So schlimm ist es für ihn, wenn meine Mutter nicht da ist!
Ich beäuge ihn teilnahmsvoll. Könnte es vielleicht hauptsächlich daran liegen, dass sie ihm keine Telefonnummern hinterlassen hat? Ich bin ja kein kleines Kind mehr und kann mir auch was zusammenreimen.
Auf jeden Fall weiß ich jetzt, wer das dritte arme Schwein ist.


*

Weil ich die Verantwortung für einen depressiven Mann nicht weiter allein tragen will, rufe ich am Samstag frühmorgens Oma an.
"Um Gottes willen, Madeleine", flüstert Oma ins Telefon, "ist etwas passiert?"
Ich beruhige sie und höre, wie sie mit einem Seufzer ins Kissen zurückfällt. Außerdem grunzt neben ihr jemand verschlafen im tiefsten Bass. Ach, ist etwa Onkel Bangemann bei ihr? Ich habe noch gar nicht mitgekriegt, dass er auch bei ihr schläft! Das ist mir nun doch peinlich. Ich meine, ich war wohl bisher zu blöde, ihre Beziehung zu begreifen. Und außerdem habe ich die beiden jetzt gestört.
"Entschuldige, Oma", sage ich schnell. "Ich ruf dich später wieder an."
"Warte, Madeleine. Du hast doch einen Grund, dass du mich so früh weckst." Zur Seite hinüber sagt sie: "Schlaf ruhig weiter, Walter. Es ist nur Madeleine." Und zu mir: "Was ist los, Lenchen?"
Meine Mutter hat mich noch nie Lenchen genannt, das machen bekanntlich nur Oma und mein Vater. Auf einmal wird mir bewusst, was für ein armes, mutterloses Kind ich bin, und ich heule drauflos. Unter Schluchzen erzähle ich Oma konfuses Zeug. Von den fehlenden Telefonnummern und dass mein Vater wahrscheinlich keinen Schubert mehr mag.
"Moment", unterbricht mich Oma. "Was redest du da plötzlich von Schubert? Und wieso soll Robert ihn nicht mehr mögen? Bleib doch bei der Sache! Also, ihr wisst nicht, wo die Konzerte stattfinden? Warum ruft ihr nicht einfach die Agentur an? Die hat doch ..."
Ich lasse Oma reden. Ich bin ja bei der Sache geblieben, das weiß ich jetzt auf einmal glasklar: Ken singt Schubert. Ken ist mit meiner Mutter auf Reisen. Meine Mutter verheimlicht meinem Vater ihre Aufenthaltsorte. Mein Vater spielt den Trauermarsch und isst sich einen Frustbauch an. Das Agenturfoto von Ken, das bis Mittwoch noch im Wohnzimmer lag, hat er verschwinden lassen.
Ja, war ich denn mit Blindheit geschlagen? Habe ich denn nicht gesehen, wie meine Mutter und Ken sich beim Musizieren zulächeln? Habe ich wirklich gedacht, das müssen sie tun, das gehört zum Auftritt?
Ja, das habe ich. Und mein Vater wahrscheinlich genauso. Wir saßen noch am letzten Abend vor der Konzertreise als Publikum im Wohnzimmer, haben uns alles angehört und hinterher kräftig geklatscht.
Bei meinem Vater muss irgendwann in dieser Woche der Groschen gefallen sein und bei mir ist es jetzt passiert - vorher hat er geklemmt. Nur Oma stellt sich noch an. Sie war doch auch dabei am letzten Abend!
Ich unterbreche ihre Erklärungen von der Agentur (dass die alle Unterlagen hat und wie man sie erreichen kann und so weiter). "Oma", platze ich heraus, "ich glaube, Ken und Mama sind ineinander verliebt!"
Atemlos lausche ich, ob Oma in Ohnmacht fällt und Onkel Bangemann sie wiederbelebt. Aber alles, was ich höre, ist Omas leises Lachen.
"Hast du das nicht gewusst, Madeleine? Natürlich sind sie ein bisschen ineinander verliebt! Sonst könnten sie nicht so zusammen musizieren, nicht so wunderbar, dass man am liebsten weinen möchte. Verstehst du? Es gibt viele Arten von Liebe. Das ist eine davon. Eine andere ist die Liebe deiner Mutter zu deinem Vater. Oder zweifelst du etwa daran?"
"Also, ich ..."
"Natürlich leidet Robert, weil sie nicht da ist, das ist doch klar. Und den Zeitplan samt Adressen und Telefonnummern hat Alicia einfach vergessen, weil sie über ihrer Musik alles vergisst. Das sagst du doch selbst oft genug! Beruhigt, Lenchen? Sieh bloß keine Gespenster!"
"Gespenster?"
"Ich meine, du sollst dir nichts einbilden und dir nichts zusammenfantasieren. Für das Thema Liebe bist du einfach noch zu jung. Wie willst du jetzt schon etwas darüber wissen."
Denkt Oma. Ich bin überhaupt nicht zu jung für das Thema Liebe! Oder was ist das denn, was ich fühle? Für Ulrich, für Torsten, für Ken ...
Nein, für den nicht mehr. Ken, den streiche ich.




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