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Irma Krauß - Freie Autorin vorwiegend im Bereich Kinder- und Jugendbücher
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Esthers Angst




Leseprobe (Kapitel 1 bis 3)

Gilbert Es war ein Mittwoch, an dem sie mich zum ersten Mal anschaute, der Mittwoch nach dem Tag der deutschen Einheit, der erste Mittwoch im Oktober also. Warum ich das so genau weiß? Weil es der Tag war, an dem ich in der Mittagspause dem Wagen meines Vaters einen eingebeulten Kotflügel beschert hatte. Kurz darauf dann dieser Blick. Sie schaute mich voll an, man könnte sagen, bedeutungsvoll. Mein Herz machte einen Satz – wie Vaters heiliger BMW, als er an der Kreuzung auf den Wagen des Vordermannes aufgeprallt war; es flog ihr zu, mit höchster Beschleunigung. Doch traf es leider auf was Hartes, prallte ab und hatte eine Beule weg wie das Blech.

Aber sie hat mich angeschaut! Eine Täuschung ist unmöglich.

Ich vergaß augenblicklich meinen Frust und setzte mich leicht schräg, so dass ich ihren Blick auffangen würde, sollte er noch einmal in meine Richtung zielen. Von der Englischstunde bekam ich natürlich nichts mit, ich war völlig abgetreten.

Englisch in der neunten Stunde ist sowieso tödlich, und nicht mal unser Englischmensch, der Lemmer, tut, als wäre er noch lebendig. Und abgetreten war ich überhaupt schon oft; in der achten Klasse so gründlich, dass man mir nahe gelegt hat, sie noch einmal zu besuchen. Was ich auch gemacht habe. Wenn’s einem so freundlich gesagt wird: Die Erlaubnis zum Vorrücken in die nächsthöhere Jahrgangsstufe hat er nicht erhalten.

Damit stehe ich nicht ganz allein da. Die meisten Leute in der Zwölften haben irgendwann eine Ehrenrunde gedreht oder es sonstwie geschafft, dass sie sich bereits im Besitz des Führerscheins befinden, was ja ein gewisses vorgerücktes Alter voraussetzt.

Esther nicht. Nein, natürlich nicht. Die ist erst zarte siebzehn. Das weiß ich, weil bei ihr noch die Erziehungsberechtigten unterschreiben müssen, wenn es etwas zu unterschreiben gibt. Siebzehn. Und ist seit dem Tag ihrer Geburt nur dem Pfad der Tugend gefolgt (der keine Ehrenrunden vorsieht), ohne einen Blick nach rechts oder links zu werfen.

Rechts saß ich an diesem Mittwoch. Und an allen Mittwochen in der neunten Stunde, seit wir in der K12 sind. Und außerdem an jedem anderen Wochentag für eine Schulstunde. Der Leistungskurs Englisch hat mich mit Esther zusammengeführt. Sonst nichts.

Wirklich, wir haben kein einziges weiteres Fach gemeinsam! Wenn ich das vorher gewusst hätte – vielmehr, wenn ich überhaupt etwas von ihr gewusst hätte –, dann hätte ich mich nach ihrer Fächerwahl erkundigt und meinetwegen sogar Bio genommen, obwohl ich Bio verabscheue. Ich warf ihr verstohlene Blicke zu und grübelte darüber nach, wie es möglich ist, dass wir nicht mal im Reli-Grundkurs zusammen sind, obwohl Reli doch jeder belegen muss. Mich hat man in den B-Kurs geworfen, vielleicht ist sie im A-Kurs ... Und ansonsten muss sie ganz andere Fächerkombinationen gewählt haben als ich.

Der Lemmer, scheintoter Schwätzer, las aus einem sterbenslangweiligen Arbeitsblatt sämtliche Zusammenstöße vor, die die Indianer mit den weißen Einwanderern gehabt hatten. Ich ahnte, dass wir das Arbeitsblatt hinterher bekommen würden und dass wir sämtliche Zusammenstöße, die die Indianer mit den weißen Einwanderern gehabt hatten, in der nächsten Stunde würden aufsagen müssen, in makellosem Englisch, wie es sich für Kollegiaten gehört. Und ich ahnte außerdem, dass mein Gedächtnis sich weigern würde, diese dämlichen Fakten aufzunehmen.

Esther starrte den Lemmer wie hypnotisiert an. Ich wusste, sie hatte ein Aufzeichnungsgerät im Kopf, das sich gleichmäßig drehte und alles mitschnitt, für eine wortgetreue Wiedergabe in der nächsten Stunde.

Gegen Streber hatte ich immer was. Habe sie auch erbarmungslos mit meinem Hohn verfolgt. Und, vielleicht, wenn ich mit Esther in derselben Klasse gewesen wäre ... Aber das war ich nie. Erst in der K12 trafen wir zusammen. Und auch da nur im LK Englisch. Dabei ist sie seit der Fünften an unserem Gymnasium – und ich habe sie so gut wie nicht bemerkt! Kann daher kommen, dass ich mich bisher mehr für die auffällige Sorte Mädchen interessierte, für die eben, die es einem leicht machen, die einen zu Feten einladen und die man abends trifft, wenn man Kneipen und Discos abklappert.

Mensch, ich hab Esther noch nie, noch nicht ein einziges Mal, auf einer Fete oder sonst wo getroffen, noch nicht mal auf der Straße! Fällt sie jeden Morgen vom Mond ins Klassenzimmer? Und wie kommt sie da wieder hinauf?

Das Aufzeichnungsgerät spulte gleichmäßig. Aber die Hände waren unruhig und die Augen blinzelten häufiger als sonst, wie mir schien. Sie wusste, dass sie mich bedeutungsvoll angeschaut hatte, und es nagte an ihr.

Ich überlegte, warum sie es getan haben könnte. Noch nie zuvor war es mir gelungen, mehr als einen flüchtigen Blick oder ein gleichgültiges Wort von ihr zu erhaschen. So sehr ich mich darum bemüht hatte, zurückhaltend natürlich, denn, um die Wahrheit zu sagen, sie schüchtert mich ein. Sie zieht mich an und lässt mich abprallen, es ist zum Verrücktwerden.

Ich begann mich wieder mies zu fühlen. Der Unfall ließ sich nicht mehr verdrängen. Mein Vater wusste es bereits, und dass er nicht ganz Pettenstein zusammengebrüllt hatte, lag nur daran, dass die Formalitäten ihm keine Zeit dazu gelassen hatten. Ich selbst hatte vor der Bescherung gestanden wie der Ochs vor dem Berg und war ihm dankbar gewesen, dass ich mich schließlich in die Englischstunde hatte absetzen dürfen. Die ich normalerweise schon bei geringeren Anlässen schwänze.

Die Auseinandersetzung, auch mit meiner Mutter, stand mir noch bevor. Wenn ich wenigstens leicht beschädigt im Krankenhaus gelegen hätte! Möglicherweise war ich innen drin verletzt und wusste es nur nicht, vielleicht stach mir ein Knochen in die Lunge, denn so fühlte es sich an!

Ich merkte im ersten Moment gar nicht, dass der Lemmer fertig war. Das heißt, er brach ab, ohne fertig geworden zu sein, und steckte den Packen Arbeitsblätter wieder in seine Tasche.

Das konnte mich auch nicht hochreißen.

Die anderen ließen mich in Ruhe. Denn wenn ich sauer bin, muss man mich nur einmal anschauen und schon zieht man das Genick ein und geht weiter.

Ich stand mit gesenktem Kopf auf, als jemand vor mir stehen blieb.

„Geht’s dir nicht gut?“, sagte sie leise. „Du schaust irgendwie ..., ich dachte ...“

Ich starrte sie erschrocken an. Esther, die noch nie freiwillig mit mir geredet hatte!

Meine Geistesgegenwart ließ mich im Stich, ich nickte nur stumm.

„Wenn ich was tun kann ... Vielleicht willst du sagen, was es ist ...“

Sie war über und über rot geworden und ich hatte plötzlich keine Angst mehr vor ihr.

Ich dachte fieberhaft nach. Meine Eltern erwarteten mich jetzt zu Hause, sofort. Was am Abend sein würde, wusste der Himmel – bestimmt nichts Gutes. Der einzige Ort der Sicherheit war derzeit die Schule. Und am Donnerstag hatte ich die dritte Stunde frei.

Ich murmelte mit gesenkten Augen: „Ich würde es dir gern sagen ..., hast du zufällig morgen in der dritten Stunde frei?“

Sie zuckte zurück, aber sie lief nicht weg. „Nein“, sagte sie.

„Hast du vielleicht am Freitag eine Freistunde?“

Sie zögerte. „Ja, die fünfte“, sagte sie abwehrend.

„Ich auch!“

Ich habe freitags in der fünften keineswegs frei. Aber darüber würde ich mir später den Kopf zerbrechen. Und jetzt eine trübe Miene behalten, nur ja keinen Fehler machen. Ich stellte mir meine Eltern vor, wie sie zu Hause auf- und abgingen, da gelang es.

Kläglich sagte ich: „Ich warte im Park auf dich.“

Der Pettenbachpark, der gleich hinter der Schule liegt, war schon immer der Ort meiner Wahl gewesen, wenn ich mich zur Unterrichtszeit mit einem Mädchen getroffen hatte; mit ein bisschen Glück konnte man ihn ungesehen erreichen und war sofort weg von der gefühlstötenden Atmosphäre der höheren Bildungsstätte. Früher riskierte man etwas wegen unerlaubter Entfernung vom Schulgelände, jetzt, in der Kollegstufe, nicht mehr.

Ich hab’s nicht oft gemacht. Ich bin auch kein Weiberheld. Aber ein paar Begegnungen der weiblichen Art hat man mit neunzehn schon hinter sich. Wenn man normal ist. Ich bin nicht extra normal, aber normal bin ich schon. Im Park war ich übrigens lange nicht mehr. Und ich wunderte mich plötzlich, dass ich so einen verstohlenen Treff noch nötig hatte.

„Das geht nicht!“ Die helle Panik stand in ihren Augen.

War’s so schlimm, sich mit mir zu treffen? „Und warum nicht?“, bohrte ich nach.

„Ich ...“ Sie wand sich. „Ich muss was tun.“

Ich müsste immer was tun, wollte ich sagen. Aber ich spürte, dass hier solche Wahrheiten fehl am Platze waren. So guckte ich sie mit meiner ganzen Enttäuschung an: Marke Hundeblick. Danach schlug ich die Augen nieder und murmelte: „Schade.“

Ich bewegte mich nicht.

Esther bewegte sich auch nicht. Sie hätte jetzt gehen können. Ich wartete angespannt auf ihren ersten Schritt. Kann sein, dass mein Mund dabei ins Zucken geriet. Ich war ziemlich mit den Nerven runter.

Auf einmal hörte ich ihre leise Stimme. „Nun gut. Aber nur ganz kurz.“

Den zweiten Teil nahm ich kaum mehr wahr, ein solches Freudengetrommel legte mein angeschlagenes Herz vor. Dann sah ich Esther davongehen, Richtung Mond oder wohin sonst.

Ich lief zum Fenster, von wo aus ich den Schulhof und die Einfahrt sehen konnte. Würde sie sich nach rechts oder nach links wenden? Viel Aufschluss konnte das zwar nicht geben ... Ich kam mir vor wie ein Trottel von dreizehn, stand da hinter der Scheibe und beobachtete sie heimlich, anstatt dass ich einfach fragte: Wo wohnst du eigentlich. Fiel ich in die Pubertät zurück oder was?

Esther wandte sich weder nach rechts noch nach links, sondern blieb in der Einfahrt stehen. Da kam ein kleines graues Auto und hielt neben ihr an; ziemlich altes Modell, eins, das ich mir vielleicht auch leisten könnte, wenn ich mal endlich sparen würde. Sie stieg ein. Den Fahrer konnte ich nicht sehen, mein Fenster lag zu hoch.

Egal, zu wem sie ins Auto stieg – sie hatte mir eine Chance gegeben. Ich fing an die Stunden zu zählen. Die bevorstehende Auseinandersetzung mit meinen Eltern kratzte mich nicht mehr.

 

 

Esther Ich muss verrückt geworden sein. Habe mich mit IHM verabredet. Gilbert.

Sind das Satans Schliche? Macht er sich so an gute Christen heran, um sie ins Verderben seiner bösen Welt zu locken?

Ich lag die ganze Nacht wach und weiß es noch immer nicht.

Mama holte mich gestern von der Schule ab. Wir besuchten zwei Menschen guten Willens. Der erste Mensch guten Willens war eine Frau, die uns letztes Mal zehn Minuten lang zugehört hatte; sie hatte mich dann gefragt, ob es mein Beruf sei, von Tür zu Tür zu gehen und zu predigen. Als ich sagte, dass ich noch zur Schule gehe, hatte es sich schließlich herausgestellt, dass ihre Kinder vor wenigen Jahren dasselbe Gymnasium besucht hatten.

Deshalb schlug Mama vor: „Mach du die Einleitung, Esther. Sprich über ihre Kinder. Danach sage ich, dass ich als Mutter sehr an der Zukunft meiner Kinder interessiert bin und ob nicht auch für sie die glückliche Zukunft ihrer Kinder und ihrer ganzen Familie das Wichtigste sei.“

Ich machte meine Sache schlecht. Die Frau unterbrach mich gleich und sagte, dass sie jetzt sofort weg müsse. Dabei sah sie nicht aus wie jemand, der gleich aus dem Haus muss.

Wir gingen wieder. Mama war unfreundlich zu mir. Sicher hatte sie Grund dazu. Sie ermahnte mich, in der Predigtdienstschule besser darauf zu achten, wie die Brüder und Schwestern ihre Einleitungen machen und welche Fehler man vermeiden muss.

Danach besuchten wir eine Frau, die uns letztes Mal erzählt hatte, dass sie in Scheidung lebe. Sie hatte ihren Mann hinausgeworfen – ihre eigenen Worte –, und wir hatten gefühlt, dass da in ihrem Herzen eine Leere war, die unsere Botschaft aufgesogen hatte. Auch Schriften hatte sie uns abgenommen.

Deshalb war Mama optimistisch. Das sei ein Fall für sie, sagte sie, und ich solle mich erst mal raushalten. Sie wolle mit dem Thema Ungerechtigkeit und Leid beginnen.

Es kam aber gar nicht dazu. Denn der Mann war zurückgekommen. Er schob seine Frau von der Tür weg und meinte, er könne das besser. Er schaute uns eisig an und sagte, wir sollten ihn und seine Familie mit unserem Gesabbere verschonen. Dann knallte er die Tür zu.

Mama sagte zu mir: „Ich fürchte, dieser Mensch ist verloren. Er gehört zu Satans böser Welt und wird bald Staub lecken.“

Sonst hatten mich solche Erlebnisse immer schrecklich deprimiert. Obwohl das natürlich falsch war. Denn dass die Welt so böse wird, ist ja ein Zeichen des nahenden Endes, und wir, die wahren Christen, können uns darüber nur freuen, denn danach kommt das Paradies auf Erden.

Ich vergaß diesmal den Mann sogleich. Mein Kopf war voll von einer Unruhe, die ganz andere Ursachen hatte.

Mama notierte sich alles, was der Mann gesagt hatte. Sie prägte sich seinen Wagen ein und nahm sich vor, noch einen Versuch zu machen und wiederzukommen, wenn das Auto nicht dastehen würde. Vielleicht am Vormittag.

Danach läuteten wir noch an einigen fremden Türen. Ich ließ Mama reden, denn ich wusste, dass ich die Sache nur verderben würde.

Als wir nach Hause fuhren, machte sie mir Vorwürfe. Es sei meine Schuld, wenn ich für Jehovas Werk zu müde sei, ich nehme die Schule viel zu wichtig, anstatt meinem Hauptziel zu leben, nämlich dem Dienst für Jehova.

Das war ziemlich unfair und sie musste es eigentlich wissen. Aber ich schwieg. Ich war ihr Respekt schuldig, weil sie meine Mutter und außerdem eine eifrige Verkünderin der Wahrheit ist.

Ich schwieg aber auch deshalb, weil ich zugelassen hatte, dass Satan mich versuchte.

Wir trafen kurz vor Papa und Johannes zu Hause ein. Mama war jetzt auch müde. Man sah ihr ihre fast fünfzig Jahre wirklich an. Sie schimpfte mit Rebekka, die vergessen hatte, den Tisch zu decken und Teewasser aufzusetzen.

„Hast du wenigstens das Versammlungsbuch studiert?“, wollte sie wissen, während sie in der Küche herumfuhr.

Rebekka bejahte.

Mama wollte die Notizen sehen. Aber Rebekka hatte keine. Die Antworten seien in ihrem Kopf, sagte sie.

Da flippte Mama aus. So groß sei ihr Kopf noch nicht, schrie sie, dass da alle Antworten Platz hätten.

Rebekka schaute mich an. „Aber Esther macht sich auch keine Notizen.“

„Esther ist siebzehn und du bist acht, glaubst du, da ist kein Unterschied? Außerdem lässt du es an Respekt fehlen. Ich muss es Papa berichten.“

Rebekka fing zu weinen an.

Sie tat mir furchtbar leid. Ich war plötzlich für eine Sekunde acht Jahre alt, stand in der Küche und hatte vergessen, das Kapitel im Versammlungsbuch zu lesen. Ich wusste, wie man sich fühlt. (Wenn ich auch nie geweint hatte. Der Typ bin ich nicht.)

Rebekkas Geplärre ging mir auf die Nerven. „Hör endlich auf“, sagte ich gereizt, „Jehova Gott will frohe Zeugen, schäm dich!“

Komisch ist das. Automatisch kommen mir bei Rebekka immer die Worte in den Mund, die ich selbst oft zu hören gekriegt habe, aber gleichzeitig tut sie mir leid.

Papa und Johannes trafen zum Glück erst ein, als der Tisch schon gedeckt war. Ihr Zug hatte fünf Minuten Verspätung gehabt. Papa machte ein Gesicht, als hätte er Kopfweh. Und so war es auch. Rebekkas Verhalten, sagte er, mache ihm noch mehr Kopfweh.

Sie wollte schon wieder zu heulen anfangen, da erzählte Johannes, dass er im Zug Gelegenheit gehabt habe, Zeugnis zu geben.

Rebekka war sogleich vergessen. Johannes musste berichten.

Johannes ist schon getauft, obwohl er ein Jahr jünger ist als ich. Es war seine eigene Entscheidung und wir alle waren sehr stolz auf ihn. Überhaupt kann man auf ihn nur stolz sein. Denn er ist ein eifriger Verkündiger und wird sicher noch in jungen Jahren Versammlungsältester werden.

Im Zug sitzt er nie neben Papa. Um informell Zeugnis geben zu können, muss man alleine sein, so dass sich jemand neben einen setzen kann. Er geht in ein Nichtraucherabteil (Papa sitzt natürlich auch in einem Nichtraucherabteil), weil er dort eher die Chance sieht, Menschen guten Willens zu finden; Raucher, sagt er, haben sich schon Satan ausgeliefert und sind ihm nur schwer wieder zu entreißen.

Wir mussten uns mit dem Essen beeilen. Denn um 19 Uhr war Versammlungsbuchstudium im Haus von Bruder Mayr in Imsingen. Bruder Mayr ist ein Ältester unserer Versammlung. Er leitet das Mittwochsstudium, indem er zu den einzelnen Kapiteln des Versammlungsbuches die Fragen stellt.

Während der kurzen Fahrt betete ich zu Jehova um die Kraft der Konzentration. Denn ich wollte meinen Fehler beim Predigtdienst wiedergutmachen.

Und ich erhielt Kraft, die über das Normale hinausgeht, wie es im zweiten Brief an die Korinther heißt, ich meldete mich ständig zu Wort, durch Beteiligung gab ich Satan keine Chance, sich in meine Gedanken zu schleichen. Außerdem wirkte ich dadurch als Vorbild für Rebekka, die sich nun für nächstes Mal bestimmt besser vorbereiten wird.

Meine Eltern waren zufrieden mit mir. Nur Johannes, der die Texte hatte vorlesen dürfen, äußerte während der Heimfahrt die Befürchtung, dass ich mich vielleicht zu sehr hervorgetan haben könnte. Aber Mama sagte, wenn ich dabei demütigen Herzens gewesen sei, dann sei das schon in Ordnung gewesen.

Rebekka schlief neben mir in ihrem Bett, während ich versuchte, meine Hausaufgaben zu machen. Sie war schon in Bruder Mayrs Wohnzimmer ab und zu gegen meinen Arm gesunken, hatte sich aber jedes Mal erschrocken wieder aufgerichtet. Eine große Zärtlichkeit ergriff mich, als ich sie im Schlaf betrachtete. Sie sah so klein und schutzbedürftig und lieb aus. Ich bekam Lust, sie in den Arm zu nehmen.

Aber statt dessen strich ich nur mit dem Finger ganz leicht über ihr Gesicht. Es fühlte sich warm und samtig an. Die Wimpern lagen dicht und dunkel an der Wangenwölbung, wie zwei makellose kleine Fächer. Solche Wimpern habe ich auch. Sie können nicht von Papa oder Mama stammen. Aber Ruth, Mamas Schwester, hatte sie.

Ich ertappte mich bei dem Wunsch, dass Gilbert meine Wimpern gefallen möchten. Für einen Sekundenbruchteil war Rebekkas Gesicht mein Gesicht und Gilbert blickte zärtlich darauf nieder. Er streckte schon die Hand aus, um mich zu berühren.

Da war sie wieder, Satans Versuchung. Jetzt wusste ich sicher, dass er es war, der mir solche Wünsche eingab, von Jehova Gott konnten sie nicht kommen, es waren weltliche, sündige Gedanken. Ich riss mich davon los, bat Jehova um Verzeihung und versprach ihm, dass ich jetzt nur noch an meine Hausaufgaben denken wollte.

Aber ich muss es wohl nicht genügend gewollt haben, denn er versagte mir seinen Beistand. Mathematik und Chemie schaffte ich zur Not, doch im Biologiebuch las ich umsonst, die Informationen drangen nicht in meinen Kopf.

Ich machte das, was die Ältesten uns raten, wenn wir Satans Angriffen ausgesetzt sind: Ich las in der Bibel. Darüber hoffte ich einzuschlafen. Meinen Wecker hatte ich auf fünf Uhr gestellt, am frühen Morgen würde ich wieder klar im Kopf sein und lernen können, nahm ich an.

Aber es war nicht so. Ich wälzte mich stundenlang in meinem Bett. Ich dachte an Gilbert und an die Sünde der Verabredung. Einmal sprang ich auf, weil ich mich zu erinnern glaubte, dass es vom Verbot, mit Menschen von Satans böser Welt zu verkehren, eine Ausnahme gibt. Die eine große Ausnahme ist natürlich der Predigtdienst, aber an den dachte ich nicht. Ich erinnerte mich an etwas anderes.

Und dann fand ich es in der Schrift Jehovas Zeugen und die Schule. Unter der Überschrift Von der Welt getrennt stand: Jesus sagte deutlich, dass das Getrenntsein von der Welt ein auffallendes Merkmal seiner Jünger sein werde. „Sie sind kein Teil der Welt“, sagte er. In Übereinstimmung mit diesem Grundsatz bemühen sich Jehovas Zeugen, „kein Teil der Welt“ zu sein.

Und jetzt kam es: Das bedeutet natürlich nicht, dass wir es befürworten würden, Einsiedler zu werden und uns von allen anderen Menschen abzusondern. Wir sind aufrichtig am Wohl anderer in unserer Umgebung, auch in der Schule, interessiert.

Das war es! Ich hatte mich richtig erinnert. Nach diesem Wort unserer leitenden Körperschaft durfte ich mich um Gilberts Wohl kümmern.

Und hatte ich vielleicht jemals seinen forschenden oder spöttischen Blicken nachgegeben? Hatte ich mich ein einziges Mal auf ein Gespräch mit ihm eingelassen, in dem es nicht um den Unterricht ging? Nein, das hatte ich nicht. Ich war Jehovas Gebot treu geblieben. Obwohl es manchmal sehr, sehr schwer gewesen war, ihm zu gehorchen, denn Gilbert zieht mich an wie ein Magnet.

Erst an diesem Mittwoch, als er abgehetzt in der Englischstunde erschienen war und einen bekümmerten, ja, gequälten Eindruck gemacht hatte, da hatte ich nachgegeben und ihn teilnehmend angeschaut. Ich hatte ein großes Unglück hinter seiner Miene vermutet und vermute es noch, vor allem, weil er mit keinem darüber geredet hat.

Wir sind aufrichtig am Wohl anderer in unserer Umgebung, auch in der Schule, interessiert.

Ich sagte mir den Satz wiederholt vor und prüfte meine Aufrichtigkeit. Ich erkannte, dass ich mich wirklich für Gilbert interessierte und dass ich ihn in seinem Unglück trösten wollte.

Dann kamen mir aber wieder Zweifel: Ob nicht Satan versuchte, mich in Sicherheit zu wiegen? Ob nicht mein wahres Interesse ganz anderer Natur war? Oder warum sollte ich Herzrasen und feuchte Hände bekommen, nur weil ich jemanden trösten wollte? Das passte doch nicht zusammen!

Ich wusste plötzlich, dass ich mit meinen Eltern darüber sprechen musste. Sollten sie keinen Rat wissen, würden sie einen Ältesten fragen. Mein Vater ist zwar auch ein Ältester, aber in Dingen, die die eigene Familie betreffen, haben die außenstehenden Brüder den klareren Blick, heißt es. Das war auch bei Ruth so gewesen.

Ich stellte mir vor, was man mir antworten würde. Sicher würde man mir nicht verbieten, mich für Gilberts Unglück zu interessieren. Ich werde mit ihm sprechen dürfen – aber ganz gewiss nicht im Pettenbachpark! Oder höchstens in Begleitung eines Glaubensbruders oder einer Glaubensschwester.

Ich würde am Freitag zur fünften Stunde jemanden dorthin bestellen müssen. Das war die einzige Möglichkeit, mein Wort zu halten und gleichzeitig nicht zu sündigen.

Ich stellte mir die Situation vor. Aus Gilberts Sicht völlig absurd!

Die ganze Nacht wälzte ich mich hin und her, ohne zu einer Entscheidung zu gelangen. Am Morgen lernte ich notdürftig Biologie. Dann wollte ich Jehova gnädig stimmen, indem ich die Bluse anzog, die Mama so gern an mir mag. Aber ich blickte auf mein Spiegelbild – aus Gilberts Augen. Da wurde ich rot vor Verlegenheit und Zorn. Ich riss die Bluse wieder herunter. Ich konnte mich ja bestrafen und sie am Sonntag anziehen, wenn wir alle uns im Königreichssaal treffen würden, oder nicht?

Beim Frühstück war mir übel.

Mama nahm das zum Anlass, sich wieder mal darüber aufzuregen, dass ich unbedingt Abitur machen will.

„Wir sind am Ende der Tage und du vergeudest deine Zeit mit unnützen Beschäftigungen“, sagte sie. „Kannst du nicht längst alles, was die Schule dir an Vorbereitung für den Königreichsdienst geben kann? Und für einen guten Beruf? Johannes war vernünftig, er hat seine Lehre angefangen. Warum haben wir dir nur immer nachgegeben?“

Ich schwieg. Mir war nicht danach, zu antworten.

Mama murmelte vor sich hin: „Jehova bestraft mich für meine Eitelkeit.“

Ich wusste, was sie meinte. Sie war so stolz auf meine guten Noten gewesen, dass sie und Papa sich von meiner Grundschullehrerin haben überreden lassen mich aufs Gymnasium zu schicken. Inzwischen tut es ihr längst leid. Oder ist sie nur Papas Sprachrohr, so wie Papa in der Versammlung das Sprachrohr der leitenden Körperschaft ist und so wie die leitende Körperschaft das Sprachrohr Jehovas ist?

Somit kämen alle Rügen von Jehova Gott über eine Kette von Menschen zu mir. Gleichzeitig fühle ich sie aber auch direkt in mir. Bedeutet das nun, dass Gott zu mir spricht, oder bedeutet es, dass ich oft genug sein Sprachrohr vernommen habe?

Ich spüre jedenfalls mit Sicherheit, dass es verkehrt ist, sich weltliche Weisheit anzueignen anstatt der höheren Weisheit Gottes, und dass ich Jehova die Zeit stehle, die ich nutzen könnte, um seiner Organisation möglichst viele Menschen guten Willens zuzuführen. Im Gebet sage ich Jehova, dass ich später die versäumte Zeit hereinholen will; ich will für ihn Schafe aus Akademikerkreisen sammeln, und das kann ich besser, wenn ich vorher selbst studiert habe.

Meine Eltern begreifen das nicht.

Aber mir wird es bei jeder Zusammenkunft ein dringenderes Bedürfnis. Denn in unserer Versammlung gibt es – auch wenn der ganze Königreichssaal voll ist – keinen einzigen gebildeten Menschen. Ich weiß, das hört sich furchtbar überheblich an, und ich weiß auch, dass vor Jehova alle Menschen seiner Organisation gleich sind, aber ich sehne mich nach interessanten Leuten in der Glaubensgemeinschaft.

Das verschweige ich meinen Eltern. Sie würden mich bestimmt missverstehen und mir mit Jakobus, viertes Kapitel, sechster Vers antworten: Gott widersteht den Hochmütigen, den Demütigen aber erweist er unverdiente Güte. Oder sie würden aus den Sprüchen zitieren: Stolz geht einem Sturz voraus und ein hochmütiger Geist dem Straucheln. Oder sie würden mir wieder einmal sagen, dass Satan der Erste war, der zuließ, dass sein Herz aufgrund von Selbstüberschätzung verderbt wurde. Sie würden sich große Sorgen um mich machen, weil Satans Zugriff besonders an höheren Schulen und an Universitäten spürbar ist.

Auf dem Weg zum Schulbus war ich so in Gedanken, dass ich Opa und Oma Kuskes Auto am Straßenrand erst in letzter Sekunde erkannte und gerade eben noch die Augen abwenden konnte.

Gilbert war vor mir im Englischraum und erwartete mich schon mit seinem Blick. Ich merkte, wie ich rot und fahrig wurde. Es war nicht möglich, ihn niemals anzuschauen. So verbrachte ich die Stunde in großem Aufruhr. Es kostete mich ungeheure Mühe, Herrn Lemmers Worten zu folgen. Auch war ich ständig versucht, zur Seitentafel zu schielen. Denn dort musste etwas stehen, das Gilbert faszinierte.

Als ich es nicht mehr aushielt, bückte ich mich, um in meiner Tasche zu kramen. Beim Hochschauen streifte ich wie zufällig die Seitentafel.

Nicht zufällig genug. Denn Gilbert bemerkte es, er lächelte mich ganz leicht an, es war nur so ein kleines Vertiefen der Mundwinkel. Aber es ging mir durch Mark und Bein.

An der Seitentafel stand: MORGEN FÜNFTE STUNDE. NICHT VERGESSEN.

 

 

Gilbert Hab das noch nie zuvor geschafft, cool bleiben, wenn sie mich anstänkerten. Hab immer zurückgebrüllt. Mit dem Ergebnis, dass wir eine Woche lang Krieg hatten, mindestens. So lange jedenfalls, bis einer von uns mit der weißen Fahne ankam, meistens Mom, weil sie die schwächsten Nerven hat.

Am Mittwoch aber war ich so gut drauf, dass sie mich gar nicht heiß machen konnten. Normalerweise hätte ich geschrien: Dein Scheiß-BMW, der ist ja das Einzige, was für dich zählt, und wenn sie mich im schwarzen Kombi weggebracht hätten, dann hättest du auch nur um deine Kiste gejammert!

Ich sagte es nicht. Immerhin hatte ich sein Spielzeug beschädigt und eine Menge Kosten verursacht. Ich gab das gleich zu und schlug ihnen vor, nur mein Taschengeld auf ein Minimum zu reduzieren. Es entstehen ja noch weitere Ausgaben für meine Nachschulung, das wissen sie nur noch nicht, aber so ist es bei Führerschein auf Probe.

Früher hätte ich auch geschrien: Das kann doch jedem passieren!

Aber diesmal nahm ich gleich alle Schuld auf mich und sagte, ich wäre einen Moment lang unaufmerksam gewesen.

Normalerweise nenne ich einen Trottel einen Trottel, und wer bei Gelb schlagartig die Bremse tritt, ist einer. Mein Vordermann hatte bei Gelb schlagartig die Bremse getreten. Ich erwähnte das in bescheidenen Worten.

Danach schlug ich vier Wochen Disco- und Kneipenverbot vor, womit ich ihre Handgranaten entschärfte. Ich hab sowieso momentan keine Lust auf irgendwelche Typen in Discos und Kneipen. Aber das brauchen sie nicht zu wissen.

Wir gingen relativ friedlich auseinander, Mom konnte die weiße Fahne im Ärmel lassen.

Sie sahen nicht, dass ich in meinem Zimmer eine Flanke über den Sessel machte. Danach schmiss ich mich auf mein Bett und zauberte Esther herbei. Ich musste nur die Augen schließen, schon saß sie in besagtem Sessel. Ich probierte, sie ins Bett zu holen.

Als das nicht ging, machte ich mich daran, ernsthaft nachzudenken.

Entweder etwas stimmt nicht mit mir, oder ich mache eine Zeitreise zurück in die Pubertät, oder ... Oder es handelt sich um SIE. SIE, das ist – na, eben SIE. Die große Liebe eben oder so was. Die Frau, von der man träumt.

Ich ertappte mich dabei, dass ich vollkommen zufrieden damit war, sie im Sessel zu wissen. So wie ich seit Wochen jeden kleinsten Blick von ihr dankbar gesammelt hatte. Wie ein Zwölfjähriger. Und richtig kindisch freute ich mich darauf, sie im Park zu treffen. Wenn sie kommen würde. An dieser Stelle kriegte ich Herzklopfen vor Unruhe. Aber dann sagte ich mir, ein Mädchen wie Esther tut, was sie versprochen hat, ein Mädchen wie Esther vergisst so etwas nicht.

An unserer Schule weiß man, wer mit wem wie lange zusammen ist, wer mit wem was anfängt oder aufhört, wer hoffnungslos schüchtern oder hoffnungslos hässlich ist und so weiter. Vor allem weiß man, welches Mädchen leicht zu haben ist. So etwas spricht sich ganz schnell rum.

Von Esther nun hab ich noch nie reden hören, weder im einen noch im anderen Sinn, ganz so, als hätte sie nie existiert. Sie ist übrigens ein hübsches Mädchen. Man sieht das erst auf den zweiten oder dritten Blick, weil sie nämlich gar nichts aus sich macht. Keine Schminke und kein Modeschmuck, keine künstliche Haarfarbe und keine besondere Frisur, kein Minirock und keine hautengen Jeans und keine durchsichtigen Hemden.

Aber wenn man sie erst einmal bemerkt hat, sieht man ihre gute Figur, ihren geraden Gang, ihre braunen, kinnlangen Haare, die bei der kleinsten Bewegung wippen – und ihre gesenkten Wimpern können einen glatt verrückt machen.

Wie oft hab ich dorthin geschielt und mir gewünscht, sie sollte meinen Blick zurückgeben; als es dann passierte, am Mittwoch in der Englischstunde, als sie mich sogar völlig unerwartet so richtig anschaute, da war das ein Gefühl, als ginge mitten in der Nacht die Sonne auf.

Es hat mich erwischt.

Eigentlich hätte ich es spätestens da merken müssen, als ich die Leute aus ihrer ehemaligen Klasse nach ihr aushorchen wollte: Ich setzte zu fragen an, aber es kam kein Ton über meine Lippen.

Am Donnerstag spannte sich unsichtbar ein Faden zwischen uns, der vibrierte und knisterte. Ich bin sicher, dass sie es auch fühlte.

Es fiel mir nicht schwer, abends wieder zu Hause zu bleiben. Ich holte sie in Gedanken in mein Zimmer, platzierte sie im Sessel und fragte sie, ob ich zwei federleichte Küsse auf ihre Wimpern drücken dürfe. Als das geschehen war, wollte ich wissen, wie sie es anstellte, von Zeit zu Zeit unsichtbar zu sein. Zum Beispiel kann ich mich nicht daran erinnern, sie bemerkt zu haben, als wir die Kollegstufensprecher wählten. Auch auf keiner Weihnachtsfeier und bei keinem Theaterabend ist sie mir begegnet. Und dann fiel mir auch noch der Tanzkurs ein und all die SMV-Bälle: Esther ist nie dabei gewesen. Nur auf dem Flur, im Treppenhaus und auf dem Pausehof hab ich sie manchmal gesehen, seit wie vielen Jahren weiß ich nicht.

Sie lächelte rätselhaft. Da sie nur eine Projektion war, konnte sie keine Antwort geben, die ich nicht gekannt hätte. Es war zum Verrücktwerden. Aber nur noch ein Tag, dann würde ich mehr wissen.

 

Sie kam durch den Park auf mich zu und sah aus, als würde sie alle Bäume zählen. Ich sprang auf und ging ihr entgegen. Dann wurden wir immer langsamer, und als sie stehen blieb, musste ich notgedrungen auch stehen bleiben. Ein Elefant hätte locker zwischen uns Platz gefunden.

So ging das nicht. Wir waren zwei halbwegs erwachsene Menschen, oder?

Sie schaute sich um, als würde sie verfolgt. Dabei war um diese Zeit kein Mensch im Park. Keiner außer uns, meine ich.

„Da bin ich“, sagte sie, ohne zu lächeln.

Ich schluckte und nickte. Als ich einen Fuß nach vorn schob, machte sie einen Schritt nach hinten. So würden wir nie zusammenkommen. Da fiel mir etwas ein, eine Pantomime, mit der ich letztes Jahr im Schultheater ziemlich erfolgreich war. Ich machte ein konzentriertes Gesicht und tastete mit flachen Händen eine unsichtbare Wand vor mir ab. Obwohl ich den Blick auf die Wand vor meiner Nase gerichtet hielt, bemerkte ich, dass Esther stutzte. Dann begriff sie. Sie lächelte sogar, als ich mir die Stirn anstieß.

Schließlich fand ich die Tür, öffnete sie, ging hindurch und ergriff Esthers Hand. „Vorsicht, die Schwelle“, sagte ich.

Sie war so verblüfft, dass sie sich mitziehen ließ.

Zur Bank, auf der ich gesessen hatte, war es nicht weit. Aber als ich sie erreicht hatte, entriss sie mir ihre Hand und zischte: „Wer bist du?“

Das überraschte mich einigermaßen. „Gilbert Wink, K12“, sagte ich. „Sind wir uns nicht schon mal begegnet?“

Sie setzte sich vorsichtig ans andere Ende der Bank und atmete sichtbar. Dann wischte sie sich über die Stirn und sagte: „Du hast merkwürdige Tricks, weißt du.“

„Meine Mutter bringe ich damit immer zum Lachen, egal wie grantig sie ist.“

„Du machst das bei deiner Mutter?“

„Warum nicht. Wenn sie davon lustig wird ...“

Da fing sie an zu lachen und konnte gar nicht mehr aufhören.

Ich erinnerte mich zwar nicht, extra witzig gewesen zu sein. Aber Esther reagierte eben nie normal. Jedenfalls war ich froh, dass sie lachte, anstatt davonzulaufen. Irgendwie wurde ich das Gefühl nicht los, dass sie am liebsten die Fliege gemacht hätte. Mitten im Lachen fing sie nämlich wieder an, die Bäume zu zählen.

„Erwartest du eigentlich noch jemand?“, erkundigte ich mich.

„Nein!“ Sie schaute mich erschrocken an.

„Du siehst aus, als wenn du ..., als wenn du auf Glasscherben sitzen würdest.“

„Ich ..., ähh“, sie senkte diese unglaublichen Wimpernfächer über die Wangen, „ich sitze auf Glasscherben.“

„Wie bitte?“

„Ja. Ich darf nicht hier sein. Nicht mit dir.“

„Wieso nicht?“

Sie schaute auf. „Ich bin Zeugin Jehovas“, sagte sie steif.

Ich starrte sie an. Das war also ihr Geheimnis. Jeder aus ihrer Klasse hätte es mir sagen können, natürlich. Zeugen Jehovas, das waren doch diese komischen Leutchen, die von Tür zu Tür gingen, lächelten, komisches Zeug redeten, die auch stumm wie Standbilder in der Fußgängerzone komische Heftchen hochhielten ...

Ich konnte beim besten Willen keine Verbindung zwischen ihnen und Esther herstellen. „Du siehst überhaupt nicht so aus“, entfuhr es mir.

„Ja? Wie müsste ich denn aussehen, deiner Meinung nach?“

Komisch, dachte ich. Aber das sagte ich natürlich nicht. Ich zuckte nur mit den Achseln.

Für sie mag es wie Geringschätzung ausgesehen haben. Denn sie sagte aggressiv: „Wir sind bedeutender, als du auch nur ahnen kannst! Wir sind eine internationale Bruderschaft von über sechs Millionen aktiven Zeugen! Und zum Gedächtnismahl kommen außerdem unzählige Menschen guten Will..., Sympathisanten!“

Ich war beeindruckt. Hauptsächlich vom Blitzen ihrer Augen. „International?“, sagte ich.

„Ja! Unser Hauptbüro ist in New York, wir verbreiten die auflagenstärkste Zeitschrift der Welt, jeden Monat, in 121 Sprachen ...“

Meinte sie etwa dieses Käseblättchen, das die stummen Typen in der Fußgängerzone anbieten und für das sich kein einziger Mensch interessiert? Verflucht sollte ich sein, wenn ich die Frage riskierte. Mich beunruhigte sowieso etwas anderes.

Ich unterbrach sie: „Das ist ja alles großartig. Aber was hat es mit unserem niedlichen Pettenbachpark zu tun? Wieso darfst du nicht hier sein?“

„Hier sein schon. Aber nicht mit dir. Oder jedenfalls nicht mit dir allein.“

„Ach ja? Bin ich ein Sittenstrolch oder ein Massenmörder oder was?“

„Du bist ... von der Welt.“

Das war ja interessant. Und von wo war sie? Also doch vom Mond, oder?

Sie fügte leise hinzu: „Von der bösen Welt Satans.“

Ich hatte wohl nicht recht gehört? Das gab’s doch gar nicht, nicht mehr jedenfalls seit den finsteren Tagen des Mittelalters! Das begehrenswerteste Mädchen ganz Pettensteins saß neben mir und redete von – der bösen Welt Satans!

„Und du?“, sagte ich aufgebracht.

Sie schaute mich aus unglaublichen Augen an. „Ich gehöre zu Gottes Organisation.“

Ich schüttelte stumm den Kopf. Das sollte begreifen, wer konnte. Da hockten wir nun allein




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