Interviews
1) Aufzeichnung eines Gesprächs auf der Frankfurter Buchmesse 1999. Redaktion Sylvia Schwab, DeutschlandRadio. 2) Gespräch mit Guy Engels vom „Luxemburger Wort“ 3) Literaturbeilage „literatour“des Luxemburger „Tageblatt“ Portrait und Fragen: Chantal Schenten-Keller (rédactrice en chef) 4) Johannes Werres, Saarbrücker Zeitung, spricht mit der Kinder- und Jugendbuchautorin Irma Krauß 5) Schüler des Joseph-Bernhart-Gymnasiums Türkheim befragen Irma Krauß 1) DeutschlandRadio /DEUTSCHLANDFUNK, Buchredaktion Gespräch mit Irma Krauß über die Gemeinsamkeiten in ihren1999 erschienenen Jugendbüchern „Kurz vor morgen“, aare (Aarau/Frankfurt)und „Arabella oder Die Bienenkönigin“, Beltz & Gelberg (Weinheim) Interviewpartnerin und Rezensentin: Sylvia Schwab „Arabella oder Die Bienenkönigin“ und „Kurz vor morgen“ haben einige Gemeinsamkeiten. Beide spielen auf dem Land, genau: auf dem Dorf. Natur pur, könnte man sagen. In „Arabella“ spielt die Imkerei eine Hauptrolle, und in „Kurz vor morgen“ besucht die Protagonistin ihren Urgroßvater, der inmitten einer ländlichen Idylle lebt und sich in den dörflichen Strukturen geborgen fühlt. O-Ton Krauß: Ich glaube, die Botschaft lautet, dass die Natur erhaltenswert ist und dass man sich dessen immer bewusst sein sollte. Ich hab’ hier in Arabella die Natur in den Bienen verkörpert ... Ich habe 29 Jugendbücher geschrieben und dies ist das dreißigste, und erst beim dreißigsten hab ich gewagt, das zu thematisieren: ... meine Verbundenheit mit der Natur, mit dem Land, auch mit den Bienen. Ein zweites gemeinsames Merkmal beider Bücher ist die Verbindung von Geschichte und Geschichten, von Vergangenheit und Gegenwart. Und das vor allem dadurch, dass Menschen aus drei und sogar vier verschiedenen Generationen aufeinandertreffen. Neugierig suchen sie nach Gemeinsamkeiten und gehen dort aufeinander ein, wo sie sich auf Grund ihrer ganz unterschiedlichen Fähigkeiten und Erfahrungen brauchen oder unterstützen können. O-Ton Krauß: Für mich sehr wichtig: der Kontakt mit Menschen verschiedener Generationen. Das ist Augen öffnend, Horizont erweiternd. Jugendlichen, die ausschließlich Umgang mit ihresgleichen haben, bleiben viele Erfahrungen verschlossen, die sie nur bekommen könnten, wenn sie mit älteren Menschen zusammen leben oder arbeiten würden. Deswegen glaube ich, es ist wichtig, in Büchern darauf zu sprechen zu kommen. Und darzustellen, dass es reizvoll sein kann, mit älteren Menschen Umgang zu haben. Dass es bereichernd ist und überhaupt nicht langweilig sein muss. Im Mittelpunkt von „Arabella oder Die Bienenkönigin“ steht der dreizehnjährige Benni. Nur ungern ist er aufs Dorf gezogen. In der Stadt sind alle seine Freunde, im Dorf dagegen regiert die Sailer-Bande in ihren Militärklamotten. Außerdem ist er unglücklich verliebt in Arabella, ein Mädchen aus seiner Klasse. Das Benni das Landleben dann doch zu lieben beginnt, liegt allein an zwei alten Leuten: an Gregor und Oma Friedl. Durch die beiden lernt er die Bienenzucht kennen und bald bekommt er sogar sein eigenes Bienenvolk. Seine Königin nennt er heimlich Arabella. Und irgendwann beginnt sogar die richtige Arabella sich für ihn zu interessieren. O-Ton Krauß: Bei dem Buch handelt es sich eigentlich um ein verkapptes Sachbuch. Es ist nicht ganz einfach, ein Sachthema in einen Roman einzuarbeiten. Ich bin keine Sachbuchautorin, ich kann nur Romane schreiben. Ich schreibe für mein Leben gern Romane, und ich denke, das ist auch meine Berufung. Und das Sachthema da reinzupacken hat auch eine Reife gebraucht, die ich erst nach vielen Büchern erreicht habe. Diese nahtlose Einbindung von unzähligen Informationen über die Imkerei in eine anrührende und spannende Geschichte ist Irma Krauß auf hervorragende Weise gelungen. Was die jungen Leser über das Leben der Bienen erfahren, ist niemals abgehoben oder langweilig, sondern immer interessant, lebendig, ja sogar witzig. Die Geburt einer Königin, das Töten der Rivalin, der Begattungsflug, der für die erfolgreichen Männchen tödlich endet, die brutale Behandlung der Drohnen durch die Arbeitsbienen – Irma Krauß’ kleiner Kurs in Sachen Imkerei liest sich streckenweise wie ein Krimi. Doch die Autorin gaukelt uns keine heile Welt vor. Die Geschichte endet vielmehr hochdramatisch. Am Schluss stehen Trauer, Melancholie, aber auch die Hoffnung auf einen Neuanfang. Was sich Kindern vermittelt, ohne direkt thematisiert zu werden, ist der natürliche Rhythmus der Jahreszeiten, von Geburt und Tod, von Glück und Trauer. Das sind Beobachtungen, Erfahrungen und Gefühle, die unsere Stadt- und Computerkinder nur noch selten Gelegenheit haben mitzuerleben. O-Ton Krauß: Ich glaube, wer sein Leben mit dem Studium der Bienen verbringt, der muss sehr weise geworden sein, und er hat vielleicht eine eigene Zeitform, eine etwas verlangsamte. Das lernt hier der zwölf- dreizehnjährige Benni ganz unbewusst, er spricht es auch nie aus ... Noch deutlicher als in „Arabella“ wird das Phänomen des verlangsamten Zeitablaufs in Irma Krauß’ Roman „Kurz vor morgen“. Die sechzehnjährige Senta hat einen 101-jährigen Urgroßvater, den sie bisher noch nie gesehen hat. Der Zufall führt sie in sein Heimatdorf und die Begegnung der beiden wird zu einer Begegnung der Jahrhunderte. Denn mit dem Tod seiner Frau vor fünfzig Jahren ist für den Mann die Zeit stehen geblieben. Sentas Auftauchen bringt ihm, der nur in der Vergangenheit lebt, die Gegenwart und das Jahrtausend-Ende ins Haus. Senta, die für ihr Alter außerordentlich reif und reflektiert ist, entschließt sich, zumindest zeitweilig beim Urgroßvater zu bleiben. In seinem Haus, das er seit über fünfzig Jahren nicht verlassen hat, passt sie sich seinem verlangsamten Lebensrhythmus an und taucht mit ihm ein in seine Vergangenheit. O-Ton Krauß: Sie ist bestimmt etwas außergewöhnlich, aber es gibt solche Menschen. Und das ist doch das Schöne. Warum soll ich immer nur von gewöhnlichen Menschen schreiben. Es dürfen doch außergewöhnliche sein, die zu Empfindungen fähig sind, die die Jugend gemeinhin nicht hat ... Denn Senta macht das ja aus ihrem inneren Bedürfnis heraus, den alten Mann nicht allein zu lassen. Deswegen zieht sie zu ihm. „Kurz vor morgen“ ist, abgesehen von einigen wenigen zu glatt gebügelten Ereignissen – der Urgroßvater stirbt zum Beispiel in der Millenniums-Silvesternacht – ein berührendes, ja bewegendes Buch. Nicht nur die Geschichte selbst, so unwahrscheinlich sie auch ist, nimmt gefangen. Denn der Urgroßvater hält Senta für seine Frau, weil diese ebenfalls Senta hieß, und begreift nur langsam und leidvoll, dass er die zweite Hälfte seines Lebens gar nicht erlebt hat. Wie er vorsichtig, Stück für Stück, die Zeitmauer, die er um sich aufgerichtet hat, zerbricht, und wie umgekehrt das junge Mädchen sich von Tag zu Tag mehr dem alten Mann zu-neigt, zu-wendet, das hat Irma Krauß sehr zart und zugleich ganz genau beschrieben. „Kurz vor morgen“ ist ein Roman über die Zeit im doppelten Sinn: über die Zeitläufe, über Gegenwart und Vergangenheit, gestern und morgen einerseits und über die Zeitdauer, das verlangsamte Erleben alter Menschen andererseits. Irma Krauß passt den Erzählablauf der verlangsamten Wahrnehmung des Urgroßvaters an. Und diese „Entdeckung der Langsamkeit“ ist nicht nur wohltuend, sondern beschert dem Leser auch eine Fülle von leisen Szenen und liebevoll arrangierten Details. O-Ton Krauß: Ich nehme mir jedes Mal vor, wenn ich einen neuen Roman beginne, dieses Mal schreibe ich zügig. Ich raffe. Und das gelingt mir nicht. Ich muss einfach, um glaubwürdig zu sein, eine Szene sich selbst entfalten lassen. Irma Krauß’ große Stärke ist die Intuition. Intuitiv verwendet sie Zeichen, Bilder und Symbole, die ganz wesentlich sind für die Wirkung ihrer Bücher. Und intuitiv entwickelt sie auch ihre Figuren. Da wird vorweg kein Handlungsablauf geplant und kein Beziehungsmuster konstruiert. O-Ton Krauß: Ich schlittere in eine Geschichte hinein und habe nur eine ganz vage Idee. Hier war es die Idee, mir das Phänomen Zeit vorzunehmen. Ich dachte, ich kann es am besten aufscheinen lassen an der Figur eines sehr alten Menschen ... Und diesen Menschen habe ich genauso kennen gelernt, wie ihn der Leser kennen lernt. Ich habe nichts von ihm gewusst, mir auch keinen Plan gemacht, und so, Schritt für Schritt, bin ich mit ihm bekannt geworden. Und das spürt der Leser, denke ich. Es sind konservative Werte wie die Pflege von Bräuchen, die Liebe zur Natur und die Verantwortung der Generationen für einander, die Irma Krauß in ihren Büchern hoch hält. Doch sie tut das ohne erhobenen Zeigefinger, ohne Pathos und vor allem ohne jede Art von Tümelei. Sie erzählt vielmehr locker und lebendig, manchmal, in den Dialogen, auch schnoddrig, und mit einem wachen Sinn für komische Situationen und witzige Zwischentöne. Was Irma Krauß’ Romane so überzeugend macht, ist neben ihrer ungewöhnlichen Handlung und ihrer lebendigen Erzählweise etwas Drittes, ganz Eigenes: ihre dichte Atmosphäre. Und die hängt unmittelbar zusammen mit tiefen Emotionen. Mit den Emotionen der Figuren, die Irma Krauß im Verlauf der Geschichten langsam entwickelt, und natürlich auch mit ihren eigenen. O-Ton Krauß: Ich habe den Urgroßvater aufgesucht, ohne etwas von ihm zu wissen, genau wie die Senta auch. Bin dort überrascht worden von seiner Langsamkeit, von seinem ganz anderen Zeitrhythmus ... und das hat auch mich gefangen genommen und ich hab das erlebt wie meine Figur. Und deswegen, glaube ich, ist es auch glaubwürdig, weil ich es selbst erlebt habe. Und ich war noch in keinem Roman zuvor während des Schreibens so restlos glücklich. (Gesendet am 11. 03. 2000) zur Interviewübersicht ... 2) „Man muss Kindern das Lesen als etwas sehr Schönes vermitteln“ Ein Gespräch mit der Kinder- und Jugendbuchautorin Irma Krauß.Guy Engels, „Luxemburger Wort“, Literaturbeilage „Lesezeit“am 21. 06. 2002 Es regnet schon wieder in Echternach. Dieser wolkenverhangene Himmel, der urplötzlich seine Regenschauer auf die Menschen loslässt, hatte die Journalisten und die Vertreter öffentlicher Institutionen schon vor einem Monat empfangen, als im „Dënzelt“ Irma Krauß als Stadtschreiberin vorgestellt wurde. Unter dem Titel „Struwwelpippi kommt zur Springprozession“ hatten das Kulturministerium, das nationale Literaturzentrum in Mersch und die Stadt Echternach die Initiative ergriffen, einen Kinder- und Jugendbuchautor in die Abteistadt einzuladen. Der Aufenthalt, der in die Zeit des Musikfestivals und der Springprozession fiel, sollte später seinen literarischen Niederschlag finden. Die Wahl war auf Irma Krauß gefallen. Die am 25. Februar 1949 geborene Autorin hatte zunächst eine pädagogische Laufbahn eingeschlagen. Den Beruf gab sie jedoch zu Gunsten der Erziehung ihrer drei Kinder auf. Danach kam eine Rückkehr ins Lehramt nicht mehr in Frage, denn Irma Krauß wollte sich ganz ihrer literarischen Leidenschaft widmen. Im Alter von 40 Jahren brachte sie ihren Erstling heraus, eine Erzählung für Erwachsene. Schon bald aber entdeckte die Schriftstellerin ihre Vorliebe für Kinderbücher. Mittlerweile kann die vielfach preisgekrönte Autorin – sie erhielt u.a. 1998 den Peter-Härtling-Preis für ihren Roman „Arabella oder Die Bienenkönigin“ – auf eine lange Liste von erfolgreichen Veröffentlichungen zurückblicken. Kurz vor ihrer Abreise aus Echternach traf ich also Irma Krauß an diesem verregneten Tag unter dem Dënzelt. „Das Weggehen hat schon vor etwa einer Woche begonnen“, sagt die Autorin mit wehmütiger Stimme. „Täglich habe ich lieb gewonnene Menschen getroffen und wusste genau, die siehst du heute zum letzten Mal.“ Hin und her gerissen zwischen dem schmerzlichen Abschied von neuen Freunden und der Sehnsucht nach zu Hause erzählt Irma Krauß von der wunderbaren Zeit, die sie in der Abteistadt verbracht hat, von den vielen Begegnungen mit Schulkindern, Studenten, Lehrern und ihren Nachbarn in einem Winkel in der Rue Duchscher. „Auf der Terrasse gegenüber meiner Wohnung feierte die Familie des Nachbarn mit ihren Verwandten. Ich saß am Notebook. Da ertönte die Klingel und ein Wildfremder stand vor der Tür. ‚Bist du die Irma? Ich bin der Jacques. Komm doch mit rüber.’ Ich habe den Gesprächen zugehört und dabei einiges vom Lëtzebuergischen aufgeschnappt. ‚Dreckskëscht’ – für Mülltonne – ist zum Beispiel so ein Wort, das mich sehr erheitert ... Ein bisschen Lëtzebuergisch habe ich mir auch mit Hilfe einheimischer Kinderbücher angeeignet, die sehr erfrischend sind, gar nicht angestaubt oder in dieser dem Jugendjargon angepassten Sprache.“ Mittlerweile sind wir am stilgerecht restaurierten und modern eingerichteten gotischen Haus angelangt, in dem Irma Krauß während vier Wochen ihre Autorenresidenz aufgeschlagen hat. Unser Gespräch dreht sich weiter um die Sparte der Literatur, der sich die Autorin mit Leib und Seele verschrieben hat. Lesezeit: Als Sie in Echternach als Gastautorin vorgestellt wurden, sagten Sie, Sie glauben, dass es keine wichtigere Literaturgattung gibt als Kinder- und Jugendbücher. Irma Krauß: Ja. Denn wer soll all die vielen Erwachsenenbücher lesen, wenn wir den Kindern nicht das Lesen schmackhaft machen? Viele Eltern kommen abends abgearbeitet heim, wollen ihre Ruhe haben und setzen die Kinder vor den Fernseher. Wenn sie sich jedoch Zeit nehmen und mit dem Nachwuchs ein Buch lesen, dann wird jedes Kind das Buch vorziehen. Man muss sich den Kindern zuwenden und ihnen das Lesen als etwas sehr Schönes vermitteln. Die Erziehung zur Freude am Lesen muss zu Hause ansetzen, nicht erst in der Schule. Bücher sollten stets im Blickfeld sein, griffbereit dastehen, überall im Haus präsent sein. Wenn die Kinder nicht in einem Leseumfeld aufwachsen, werden es die Lehrer unheimlich schwer haben. Lesezeit: Worin unterscheiden sich Kinderbücher von Jugendbüchern? Irma Krauß: Im Gegensatz zur landläufigen Meinung ist das Schreiben von Kinderbüchern überhaupt nicht einfach. Je jünger die Kinder sind, desto sorgfältiger muss man Inhalte und Vokabular bedenken. Man kann Kindern fast jede Thematik zumuten, braucht aber ein Fingerspitzengefühl für die Wortwahl und den passenden Ton. Bei Kindern im ersten Lesealter muss ich mich auf einen geringen Wortschatz beschränken und dabei doch eine Menge erzählen können. Ein Jugendbuch bietet mir einfach mehr Raum. Meine bevorzugten Themen für Jugendliche sind die Beziehungen untereinander. Freundschaften, die Rolle innerhalb der Familie, die Beziehung zu den Eltern, zu den Großeltern. Für die Großeltern habe ich eine besondere Schwäche. Ich binde sie in die Geschichten ein und versuche unaufdringlich zu zeigen, wie viel sie zu geben haben. In meiner Kindheit waren die Großeltern immer verfügbar und das fand ich schön. Dieses Thema habe ich übrigens in „Kurz vor morgen“ sozusagen auf die Spitze getrieben: In diesem Roman begegnet eine Sechzehnjährige ihrem 101-jährigen Urgroßvater. „Als ich Uropa im Sommer neunundneunzig kennen lernte, hatte er hundert Jahre und eines auf dem Buckel ...“, beginnt das Buch. Lesezeit: Wie gehen Sie eigentlich beim Schreiben vor? Denken Sie sich eine Geschichte aus, oder geben die Verlage ein Thema vor? Irma Krauß: Meine Verlage signalisieren mir gern und häufig, dass sie auf ein Buch warten und mich für das neue Programm einplanen wollen. Da die Beziehungen zu „meinen“ Lektorinnen über die Jahre eng und herzlich geworden sind, fällt es manchmal schwer, nein zu sagen ... Thematisch habe ich freie Hand. Wenn ich mich auf einen bestimmten Erzählstoff festgelegt habe, spreche ich mich mit dem Verlag ab. Mein Schreibprozess ist sehr intuitiv. Nehmen Sie zum Beispiel die Geschichte mit dem Urgroßvater. Ich hatte mir vorgenommen, das 20. Jahrhundert in der Figur eines Menschen aufscheinen zu lassen, der dieses Jahrhundert von Anfang an erlebt hat. Am Leben eines Menschen wird eine Epochendarstellung nämlich konkreter. Ich brauchte einen sehr alten Menschen, der in seiner Zeit stecken geblieben ist und den wir mit seiner Urenkelin zusammen kennen lernen, die ihn zum ersten Mal besucht. Auf dieser Begegnung aufbauend habe ich die Geschichte dann erzählt. Ich wusste nicht, wie sie ausgehen wird. Lesezeit: Viele Ihrer Bücher haben kein Happyend. Irma Krauß: Das gilt für die Jugendbücher, nicht für die Kinderbücher. Ich schreibe realistisch. Natürlich will ich den Jugendlichen am Ende meiner Geschichten immer einen hoffnungsvollen Ausblick in die Zukunft ermöglichen, selbst in meinem bisher „schwärzesten“ Buch „Rabentochter“. Viele Jugendliche – das weiß ich aus Leserzuschriften – wollen eindeutige Antworten. Aber die gebe ich nicht. Meine Bücher fordern zum Weiterdenken auf. Außerdem will ich den Lesern keine heile Welt vorgaukeln. Lesezeit: Sie sind eine sehr eifrige Schreiberin, bleibt da überhaupt noch Zeit für das Privatleben? Irma Krauß: Schreiben ist mein Privatleben. Wenn ich nicht schreibe, fühle ich mich nicht wohl. Mein Mann und ich machen gerne längere Spaziergänge, da kann ich körperlich entspannen und die rein privaten Dinge klären. Auf meinem Tagesplan steht zudem immer eine halbe Stunde Jogging. Ich höre meistens mitten im Schreiben auf, ziehe meine Trainingssachen an und laufe in den Wald. An der frischen Luft erholt sich mein Körper, während der Kopf weiterarbeitet. Wenn ich dann an den Computer zurückkehre, hat sich die Geschichte schon weiterentwickelt, und ich bin wieder ein Stück vorangekommen. Aus ganz praktischen Gründen habe ich mir eine strenge Arbeitsdisziplin auferlegt und schreibe konsequent an einem Buch. Natürlich bleiben Störungen nicht aus, oft am Wochenende, und wenn ich dann montags weiterschreiben soll, habe ich den Faden verloren. Die harte Disziplin, auch samstags und sonntags zu arbeiten, ist also eine Art Selbstschutz. Ich bin sehr dankbar und glücklich, dass meine Familie mit meiner Arbeitsweise klar kommt. Lesezeit: Was bleibt für Sie von Ihrem Aufenthalt in Echternach? Irma Krauß: Als ich hierher kam, wusste ich überhaupt nichts von Echternach und Luxemburg. Ich habe mich allerdings schnell eingelebt, was mir auch leicht gemacht wurde, denn die Betreuung war optimal. Man hat mir praktisch alle Wünsche von den Augen abgelesen. Ich habe hier inzwischen viele persönliche Beziehungen geknüpft, von denen einige sicher von Dauer sein werden. Nur eines hat mich befremdet: dass es in Echternach keine größere Buchhandlung gibt mit einem umfassenden Sortiment. Gerade eine Stadt wie Echternach mit ihrer Kulturgeschichte – denken Sie an das Skriptorium der Mönche – müsste doch eine richtige Buchhandlung haben und ebenso eine öffentliche Bibliothek. Lesezeit: Sind Sie bei Ihrem prall gefüllten Terminkalender überhaupt zum Schreiben gekommen? Irma Krauß: Nein! Ich hatte elf Lesungen an verschiedenen Schulen, habe mehrere Konzerte besucht, mir die Umgebung angeschaut und natürlich die Hauptstadt besichtigt. Am Pfingstdienstag habe ich an der Springprozession teilgenommen, gemeinsam mit den Grundschulkindern von Echternach. Diese Prozession, die ich nicht gekannt habe, hat etwas Heiteres, Verbindendes und gleichzeitig eine starke religiöse Dimension. Die vielen Eindrücke muss ich erst mal verarbeiten. Das wird nicht leicht werden, denn zu Hause stürzt ja bald wieder der Alltag auf mich ein. Lesezeit: Die Menschen in Echternach und die Organisatoren der Autorenresidenz erwarten sicher, dass Ihr Aufenthalt seinen Niederschlag in einem Roman findet. Irma Krauß: Diese Erwartung wurde anfangs nur vorsichtig angedeutet. Aber allmählich entstand dann doch ein gewisser Druck, etwa von den Nachbarn, die fragten: „Haben Sie schon etwas geschrieben?“ Die Leute verstehen natürlich nicht, dass hier gar nicht ans Arbeiten zu denken war. Zu Hause wird sich allmählich herausstellen, was aus dem ganzen Durcheinander, das ich jetzt im Kopf fühle, entstehen wird. Ich wünsche natürlich, dass ich den Menschen hier etwas zurückgeben und ihnen für die liebevolle Aufnahme danken kann. Ich werde demnächst ein neues Buch beginnen, warum sollte Echternach nicht als Schauplatz dienen? Ich würde dann auch die Springprozession einbeziehen, wenn es die Geschichte erlaubt ... (erschienen am 21. 06. 02) zur Interviewübersicht ... 3) Ein Gespräch mit Irma Krauß für die Literaturbeilage „literatour“ desLuxemburger „Tageblatt“ am 26. 06. 2002 Portrait und Fragen: Chantal Schenten-Keller (rédactrice en chef) Irma Krauß, die 1. Stadtschreiberin in Luxemburg Vom 25. April bis zum 25. Mai verweilte Irma Krauβ als Stadtschreiberin in Echternach. Ausgeschrieben wurde die 1. Kinderbuchautoren(innen)residenz unter der Schirmherrschaft von Frau Ministerin Erna Hennicot-Schoepges, Ministerin für Kultur, Hochschulwesen und Forschung, dem Nationalen Literaturarchiv unter der Leitung von Frau Goetzinger und der Stadt Echternach unter ihrem Bürgermeister Jos Scheuer. Unter dem Titel «Struwwelpippi kommt zur Springprozession» soll die Abteistadt Echternach, die durch die Bücherkunst der Mönche weit über die Grenzen hinaus bekannt und eine der ältesten Christianisierungs- und Kulturstätten Europas war, in der das Schreiben eine zentrale Rolle spielte, wieder ihre ursprüngliche Bedeutung zurückerlangen. 17 Autoren haben sich beworben. Der Echternach-Aufenthalt, das literarische Schaffen des Autors sowie seine Eindrücke von der Gesellschaft sollen später in einen literarischen Text einflieβen. Irma Krauβ wurde am 25. Februar 1949 geboren. Sie hat drei Kinder und lebt mit ihrer Familie in einem kleinen Ort in Bayern. Mit 40 Jahren schrieb die ausgebildete Lehrerin ihr erstes Buch für Erwachsene. Danach widmete sie sich ganz dem Kinder- und Jugendbuch und hat mittlerweile 40 Bücher veröffentlicht. Ihre Bücher erhielten zahlreiche Auszeichnungen, darunter auch 1998 den Peter-Härtling-Preis der Stadt Weinheim (für „Arabella oder Die Bienenkönigin“), ein Preis, der ihr sehr viel bedeutet. Spannend und einfühlsam erzählt Irma Krauß Geschichten über die erste Liebe, die Beziehung zwischen den Generationen und die Begegnung mit der Natur. Kritiker nennen sie eine Meisterin im Perspektivenwechsel. Sie hilft den Lesern, die Welt ihrer Hauptfiguren und die ihrer Umgebung zu verstehen. In Luxemburg hat die Autorin ein Marathonleseprogramm hinter sich und wurde von Kindern und Erwachsenen herzlich aufgenommen. Frage:Könnten Sie unsern Lesern erzählen, was der Job einer Stadtschreiberin ist? Irma Krauß: Es ist weniger ein Job als vielmehr eine Situation. Ich lebe in einer fremden Stadt, als wäre ich hier zu Hause. Ich teile die Gasse mit den Nachbarn, die ich allmählich kennen lerne, ich kaufe ein, gehe spazieren und stelle die Mülltonne zur rechten Zeit raus. Ich entdecke die Stadt, die Menschen, ihre Gewohnheiten. Und ich lasse mich entdecken. Von den Kindern zum Beispiel, die mich in der Schule erlebt haben und die nun meine Wohnung suchen. Wie sie sich freuen, wenn sie mich gefunden haben! Ich fahre bedenkenlos hinter ihnen her auf dem Rad durch die Fußgängerzone und lasse mir zeigen, was ihnen wichtig ist, wo der Freund wohnt oder die Freundin, wo es das beste Eis gibt ... Auf meinem geborgten Fahrrad erkunde ich die nähere Umgebung – in der Freizeit. In der Dienstzeit besuche ich auch die Schulen anderer Städte im Land, lerne die Lehrerinnen und Lehrer kennen, spreche mit den Kindern und Jugendlichen über Literatur und lese ihnen aus meinen Büchern vor. Ich widme mich den Lehramtsstudentinnen und –studenten, diskutiere mit ihnen über die Bedeutung des Lesens und gebe ihnen Tipps, wie man Kinder für Bücher begeistern kann. Frage:Ist dies das erste Mal, dass Sie sich für den Job als Stadtschreiberin bewerben? Irma Krauß: Ja. Frage:Was hat Sie bewogen, für die Autorenresidenz in Luxemburg zu kandidieren? Irma Krauß: Neugier, Lust und natürlich auch das Stipendium, das mir die finanzielle Basis für den Aufenthalt gibt. Frage:Mit welchen Vorstellungen sind Sie nach Luxemburg gekommen? Irma Krauß: Mit sehr nebulösen. Ich bin noch nie zuvor hier gewesen und habe mich auch nicht im Voraus informiert. Es ist meine Art, mich von den Dingen überraschen zu lassen. Frage: Sie sind jetzt fast am Ende Ihres Aufenthaltes. Was für Erfahrungen haben Sie gemacht, und entsprechen diese Erfahrungen Ihren Erwartungen? Irma Krauß: Ich wurde an allen Orten sehr freundlich, sogar herzlich aufgenommen und habe schöne Kontakte geknüpft. Darunter auch solche, die möglicherweise von Dauer sind. Sagt das genug? In vier Wochen kann man so vertraut werden, dass man nur schweren Herzens Abschied nimmt. Vertraut mit der schönen Landschaft, verliebt in den Charme der kleinen Städte und Dörfer, verbunden mit den Menschen, die mir offen und großzügig begegnet sind, gehe ich weg – und weiß auch schon, dass ich wieder komme. Sollte es mir gelingen, aus den vielen Eindrücken eine „Geschichte hervorzuzaubern“, muss ich sogar wieder kommen. Denn dann brauche ich wahrscheinlich auch noch eine andere Jahreszeit. Frage: Sie haben zuerst ein Buch für Erwachsene geschrieben und es blieb bei diesem einen Buch für Erwachsene. Danach haben Sie sich für die Kinder- und Jugendliteratur entschieden. Können Sie unseren Lesern etwas darüber erzählen? Irma Krauß: Wenn mein erstes Buch so viel Erfolg gehabt hätte wie mein zweites, würde ich wahrscheinlich Erwachsenenbücher schreiben. Frage: Bei Ihren Lesungen, haben Sie Unterschiede zwischen dem luxemburgischen und dem deutschen Lesepublikum festgestellt? Irma Krauß: Nein. Ich erlebe überall Offenheit und Gesprächsbereitschaft. Und spontane Begeisterung für die Buchszenen, die ich natürlich bewusst auswähle. Frage: Gab es Fragen von ihrem Publikum, die man Ihnen in Deutschland in der Form noch nicht gestellt hat? Irma Krauß: Höchstens die Frage, wo Augsburg liegt. Frage: Würden Sie noch einmal für diesen Stadtschreiberjob kandidieren? Irma Krauß: JA!! Frage: Haben Sie ein neues Buchprojekt? Irma Krauß: Immer. Und die Qual der Wahl ... Frage: Könnten Sie uns Ihre drei Lieblingsbücher verraten? Was gefällt Ihnen an diesen Büchern? Irma Krauß: Meerhexe, Arabella, Kurz vor morgen. In diesen drei Büchern steckt am meisten von mir. Wärme, Gefühl. Und sie sind bei aller Heiterkeit sehr ernst. Frage: Haben Sie noch etwas auf dem Herzen was Sie unseren Lesern gerne mitteilen würden? Irma Krauß: Bücher bauen Brücken. Die Vielfalt der Geschichten spiegelt die Vielfalt des Lebens wider. Selbst wer immer zu Hause sitzt, lernt die Welt und die Menschen kennen, wenn er liest. Ohne Kennen kein Verstehen. Ohne Verstehen – Abgründe. (Nachtrag per Mail: Mir ist eingefallen, dass ich das Wichtigste zu erwähnen vergessen habe:Ich habe mich in die luxemburgische Sprache verknallt! Und zwar, als sie mir so frisch und urwüchsig in den neuen Kinderbüchern begegnete, die ich vom Ministerium geschenkt bekam. Ich kann mich an der Sprache derart erheitern und begeistern, dass ich im Moment nichts anderes lesen will. Über Sprache bin ich am leichtesten zu packen und zu verführen. Und wie immer ist der Impact umso größer, je weniger ich darauf vorbereitet war. Ich weiß nicht, ob Sie diese Wirkung nachvollziehen können, denn als Muttersprache ist Ihnen Luxemburgisch wahrscheinlich so vertraut, dass Sie es kaum hinterfragen. Vermutlich muss man vom Deutschen kommen, damit das geschriebene Luxemburgisch einem derart liebenswert erscheint. Auch das Gesprochene mag ich, aber das Geschriebene erst entfaltet den vollen Charme. In 11 Lesungen an unterschiedlichen Orten und Schulen habe ich auch erlebt, wie mühelos die jungen Leute von einer Sprache in die andere wechseln, wie sie aber natürlich in ihrer Muttersprache am lebendigsten sind. Keine Ahnung, Chantal, wie man das ins Interview einbauen kann. Ihre Aufgabe, oder? Schönen Pfingstsonntag!) zur Interviewübersicht ... 4) Johannes Werres, Saarbrücker Zeitung, spricht mit der Kinder- und Jugendbuchautorin Irma Krauß (per e-mail) Frage: Frau Krauß, Sie haben am selben Tag Geburtstag wie Karl May. Gehört Karl May zu Ihrer Lese-Kindheit? Krauß: Natürlich. Und ich habe geweint, als Winnetou starb. Frage: Wenn Sie Karl Mays Bücher und heutige Kinder-Literaturvergleichen: Was zieht sich durch, was ist ganz anders geworden? Krauß: Karl Mays Bücher haben mit heutiger Kinder- und Jugendliteratur nichts gemeinsam. Nicht die Thematik und auch nicht die Form. Gut-Böse-Darstellungen wie bei Karl May sind heute verpönt, ebenso ist es die Überzeichnung des Ich-Erzählers, seine Selbstglorifizierung. Die "Helden" und "Heldinnen" heutiger Jugendbücher sind in der Hauptsache Jugendliche mit all ihren Schwächen, Träumen, ihrem Bemühen und ihrem Versagen - innerhalb einer realistischen Umwelt. (Natürlich nur soweit es das Genre der Bücher betrifft, wie ich sie schreibe; zu Fantasy kann ich mich nicht äußern.) Zur Form: Bücher heute sind nicht ausschweifend und langatmig, sondern prägnant, handlungsreich (das kann auch innere Handlung und Wandlung sein), spannend, zielorientiert. Frage: Sind Kinder heute für Geschichten und Geschichtenerzählen empfänglich? Krauß: Aber ja. Nur müssen wir Erzähler so unterhaltsam sein wie Film und Fernsehen. Ein hoher Anspruch! Wir müssen allein mit unseren Worten und unserer Stimme fesseln und das Wunder vollbringen, dass dabei die Fantasie der Zuhörer anspringt. Wichtig sind dabei die äußeren Bedingungen: Ruhe, eine möglichst gleichaltrige Gruppe, keinerlei Ablenkungen. Frage: Eltern wünschen sich manchmal, dass ihre Kleinen anspruchsvolleBücher lesen, aber die Kleinen schielen dann doch nach einer Art Vorschul-Pop: Von Mickey-Mouse bis Mc Donald's. Gibt es da eine Brücke? Krauß: Wenn die Eltern dem Vorschul-Pop von allem Anfang an Hochwertiges entgegensetzen, wenn sie sich Zeit nehmen, mit ihrem noch sehr kleinen Kind bereits zu lesen und wenn sie das mit Lust tun, wenn sie ferner dem Kind später immer gute Bücher beschaffen und sich selbst auch noch dafür interessieren, läuft der Pop höchstens als Nebensache mit. Seien wir doch ehrlich: Es ist einfach sehr bequem, das Kind vor den Fernseher zu setzen. Man ist ja schließlich auch müde ... Aber man vergibt damit eine große Chance. Frage: Wie würden Sie 14-jährige Leserinnen und Leser beschreiben? Krauß: Es gibt in dieser Altersgruppe - gemessen am Gros der Jugendlichen - nicht mehr sehr viele Leser. Aber die wenigen - und hier meine ich die Bücherfresser und nicht die Popzeitschriftenleser! - sind ernsthaft interessiert, aufgeschlossen, diskussionsbereit, man kann sie eigentlich mit keinem Thema überfordern und man muss sie sehr ernst nehmen. Frage: Angenommen, ich wäre ein 14-Jähriger, der nicht viel liest. Wie würden Sie mir Ihre Geschichten schmackhaft machen? Krauß: Ich würde Sie fesseln und knebeln und Ihnen ein ganzes Buch vorlesen. Die Geschichte muss sich selbst schmackhaft machen! Aber das kann sie nur, wenn man sie hört oder liest. (Ich könnte natürlich auch zu Ihnen sagen: In meinem Buch "Rabentochter" wird eine Vergewaltigung beschrieben. Dann könnte ich Ihnen das Buch überlassen. Wenn Sie bis zu der Stelle gelesen hätten, wären Sie im Sog des Buches und könnten sowieso nicht mehr aufhören ...) Frage: Leseförderung ist hierzulande ein großes Thema. Was können Sie Eltern, Lehrern und Politikern dazu in die Diskussion mitgeben? Krauß: Zeit fürs Lesen einräumen. Eine behagliche Atmosphäre schaffen. Für reizvolle Bücher sorgen. Signalisieren, dass auch für einen selbst Lesen unheimlich schön ist. Begegnungen mit Buchautoren ermöglichen. Frage: Sie nehmen gerade an einem Autorenseminar in Luxemburg teil. Haben Sie als Schriftstellerin dort neue Erkenntnisse für Kinder- und Jugendliteratur gewonnen? Krauß: Kein Autorenseminar! Luxemburg hatte eine Kinderbuch-Autorenresidenz für einen deutschen Autor oder eine deutsche Autorin ausgeschrieben, und ich hatte mich beworben. Nun verbringe ich den Mai hier, lerne Land und Leute kennen und halte Lesungen in Schulen und anderen Einrichtungen. Bei allen Unterschieden – speziell der Sprachkompetenz der Luxemburger, ihrer selbstverständlichen Dreisprachigkeit – erlebe ich die Kinder in ihrem Verhältnis zum Buch und zum Lesen nicht anders als die Kinder in Deutschland: Die einen lesen gern und freiwillig, die anderen muss man ein bisschen nötigen, aber an Autorenlesungen haben sie alle ihren Spaß! (Saarbrücker Zeitung, 25./26. Mai 02) 5) Schüler des Joseph-Bernhart-Gymnasiums Türkheim befragen Irma Krauß A) Persönliche Fragen 1. Wo sind Sie geboren? Unterthürheim in Schwaben 2. Wo wohnen Sie? Gemeinde Buttenwiesen / Bayern 3. Wie alt sind Sie? 60 4. Sind Sie verheiratet? Ja 5. Haben Sie Kinder? Ja, drei. Zwei Jungen und ein Mädchen. 6. Was halten diese von ihren Büchern? Meine Kinder waren 11,14 und 17, als ich zu schreiben begann. Sie waren Leseratten und hatten bereits ihre persönlichen Vorlieben, was Bücher betraf. Sie fanden es aufregend, dass ihre Mutter die Jugendliteratur vermehrte. ;-) Soweit es mir mitgeteilt wurde, mochten sie meine Bücher. Ich denke, es ist für Kinder schwierig oder gar unmöglich, Literatur objektiv einzuschätzen, die von einem Elternteil stammt. Und so habe ich meinen Kindern auch erspart, auf eine direkte diesbezügliche Frage antworten zu müssen. 7. Ist das Schreiben von Büchern Ihr Hauptberuf oder nur ein Nebenjob? Es ist mein Hauptberuf. 8. Wie sind Sie zum Schreiben gekommen? Ich habe es einfach getan. Ich denke, etwas muss mich dazu gedrängt haben. Es war lange Jahre mein Wunsch gewesen. Eines Tages (es war im Juni 1989) habe ich ihm nachgegeben. 9. Wie viele Bücher haben Sie schon geschrieben? 56 10. Haben Sie Lieblingsbücher? Wenn ja, wie lauten diese? Die Lieblingsbücher unter meinen eigenen Büchern sind „Arabella oder Die Bienenkönigin“, "Meerhexe“, "Sonnentaube“, "Das Wolkenzimmer“. 11. Warum genau diese? Weil ich mich mit ihnen am meisten identifiziere. Ich mag auch die anderen, aber diese am liebsten. Wie ein Töpfer vielleicht ein besonders geglücktes Gefäß am liebsten mag. 12. Auf Ihrer Homepage haben wir gelesen, dass Sie früher in Ihrer Jugend nicht so viel gelesen haben. Wieso? Das ist so nicht richtig. Ich habe sehr viel gelesen, aber in meiner Kindheit zum Teil immer wieder dieselben Bücher, weil es keine anderen gab. Mein Dorf hatte keine Bücherei. In meiner Jugend, ab dem Gymnasium, habe ich praktisch ständig gelesen, denn da hatte ich endlich Zugang zu Büchern. 13. Welches Fach unterrichteten Sie, als Sie noch als Lehrerin arbeiteten? Ich unterrichtete alle Fächer, die es in der Grundschule gibt. Zusätzlich gab ich in der Hauptschule Sport. B) Fragen zum Buch "Das Wolkenzimmer" 1. Wann kam Ihnen die Idee dieses Buch zu schreiben? Die Antwort findet ihr im Vorwort des Buches. 2. Wie lange haben Sie für die Fertigstellung des Buches gebraucht? Ich hatte zwar die Idee, habe aber lange gezögert zu beginnen. Ich war mir nicht sicher, welche Geschichte im Turm steckte. Als ich es endlich herausgefunden hatte, brauchte ich ungefähr ein Vierteljahr zum Recherchieren und ein Dreivierteljahr zum Schreiben. (Natürlich steckte die Geschichte in Wirklichkeit in mir, der Turm ist sozusagen nur der Ort des Geschehens.) 3. Gab es einen bestimmten Hintergedanken bei diesem Buch? Hinter einem Buch stecken ungeheuer viele Gedanken, also sind es wohl Hintergedanken. Sie alle aufzuzählen, wäre ein Ding der Unmöglichkeit. 4. Haben Sie Veronikas Geschichte erlebt? Veronikas Geschichte ist frei erfunden; allerdings gehört der Selbstmord eines Jugendlichen zu den erschütternden Erfahrungen meines Lebens (der Junge war in der Klasse meines Sohnes). Als Autorin sollte ich mich aber auch ohne persönliche Erfahrungen in einen Menschen mit selbstzerstörerischen Neigungen einfühlen können. 5. Wenn nein, wie sind Sie auf die Idee gekommen, dass sich das Mädchen wegen Liebeskummer vom Turm stürzen will? Liebeskummer ist eine sehr ernste Angelegenheit und für viele Menschen, ob jung oder älter, ein Anlass, nicht mehr leben zu wollen. 6. Es gibt in dem Buch zwei Perspektiven: Veronikas und Jaschas. Wieso haben Sie genau diese zwei Perspektiven gewählt? Warum haben Sie nicht nur aus Jaschas Sicht erzählt? Weil ich eine Brücke schlagen wollte zwischen der Vergangenheit und unserer Gegenwart, das heißt, Vergangenheit und Gegenwart sollten sich die Hand reichen können, also der Türmer, ehemals Jascha, und Veronika, eine junge Frau des 21. Jahrhunderts, sollten einander begegnen und in eine Freundschaftsbeziehung zueinander treten. Um authentisch (= psychologisch nachvollziehbar) erzählen zu können, wähle ich gern die Innensicht meiner Hauptfiguren. Beide sind mir wichtig, beide haben eine Botschaft, nämlich die, dass das Leben kostbar ist und man nur eines besitzt. Im Übrigen gibt es in Wirklichkeit eine dritte Perspektive, die des Amerikaners, der sich ja weit von seinen Gefühlen als Junge entfernt hat. Aus zweiter Hand (= aus Jaschas Beobachtungen) erfahrt ihr darüber hinaus noch die Gefühle und Motive des Einarmigen, ohne dass ich direkt seine Perspektive gewählt hätte. 7. Der Alltag von Veronika und dem Türmer wird am Anfang des Buches oft wiederholt. Wieso? Die täglichen Abläufe im Turm sind im Prinzip immer wieder dieselben, und während dieser Abläufe spürt ihr als Leserinnen und Leser, wie die Personen sich allmählich von ihrer feindseligen Anfangshaltung verabschieden und aufeinander zuzugehen beginnen. Das kann man spannend finden, und insofern möchte ich eurer Behauptung in Punkt acht widersprechen. Es passieren am Anfang keine großen Dinge, doch wer einen Blick für die kleinen hat, findet die Entstehung von Freundschaft zwischen zwei derart ungleichen Menschen faszinierend. 8. Am Anfang des Buches wird noch kaum Spannung aufgebaut. Erst zum Ende des Buches, zirka die letzten 30 Seiten, wird es sehr fesselnd. Wieso schrieben Sie so? Ich habe in Veronika eine tiefe Betroffenheit geweckt – sie hat das, was sie erschüttert, selbst entdecken dürfen. Das ist ein Geschenk! Es ist etwas tief greifend anderes, in eine persönliche Betroffenheit hineinzuwachsen, als von den furchtbaren Geschehnissen der Nazizeit nur in der Schule zu hören. Ein solches Hineinwachsen braucht aber Zeit, es geht nicht von heute auf morgen. Es beginnt mit Verwirrung und ersten Ahnungen, die sich zur Gewissheit steigern. Welchen Grund hätte der Amerikaner haben sollen, Veronika verfrüht etwas zu erzählen?! Er hat es genau da getan, als sie für seine Geschichte bereit war. 9. Wieso bringen Sie die Informationen über die NS-Zeit erst am Schluss? Vom ersten Auftauchen Jaschas an gibt es Informationen über die NS-Zeit, aus Jaschas Sicht. Das, was er erlebte, lässt sich doch wohl nicht von der Nazizeit trennen. Ich liefere die Informationen nicht wie ein Schulbuch, sondern ich lasse meine Leser das alles selbst erleben, wenn sie es schaffen, in die Haut meiner Figuren zu schlüpfen. Sie erleben immer so viel, wie Jascha erlebt, der nicht wissen kann, was draußen Schreckliches geschieht, der auch nicht weiß, wie lange der Krieg dauern wird und ob die Deutschen ihn gewinnen oder verlieren werden. 10. Gab es mehr gute oder mehr schlechte Kritik zu diesem Buch? Bisher nur positive Buchbesprechungen. Nachzulesen zum Beispiel bei Amazon.de. Auch auf meiner Homepage sind Besprechungen von Zeitungen im genauen Wortlaut wiedergegeben. 11. Warum wählten Sie die Altersbeschränkung ab 14 Jahren? Ich wünsche mir Leserinnen und Leser, die sowohl dem Thema als auch der nicht ganz einfachen äußeren Form des Buches gewachsen sind. In der Regel (es gibt auch Ausnahmen) darf man eine solche Reife ab etwa einem Alter von 14 Jahren erwarten. Vielen Dank für Ihre Bereitschaft, unsere Fragen so ausführlich zu beantworten! Jonathan, Lena und Franziska
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