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Irma Krauß - Freie Autorin vorwiegend im Bereich Kinder- und Jugendbücher
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"Bleiben Sie mit Ihrer Neigung, sich zuzuwenden!"



Prof Dr. Barbara Staudigl, Kath. Universität Eichstätt
Einführung zum Buch „Das Wolkenzimmer“ von Irma Krauß
27. 09.07, Nördlingen

Liebe Frau Krauß,
sehr geehrte Damen und Herren,

es ist mir eine doppelte Ehre, heute die Einführung zum Buch „Das Wolkenzimmer“ zu sprechen. Einmal, weil es mich mit großer Freude erfüllt, über ein Buch zu sprechen, das mich selbst zutiefst bewegt hat; über das Buch einer Autorin zu sprechen, die mir mit ihrem Gesamtwerk viele wunderbare Lesenächte geschenkt hat. Und ein Zweites: dies in Nördlingen tun zu dürfen, einem Ort, der für mich als gebürtige Donauwörtherin zur eigenen Geschichte gehört, den ich mit Beziehungen verbinde – und von Klein auf mit dem Inbegriff eines Turmes, dem Daniel.

Meine Großeltern erlebten den I. und den II. Weltkrieg. Meine Eltern wurden 1937 geboren, ihre frühe Kindheit war geprägt von Krieg und Entbehrung. Nie werde ich diese Geschichten vergessen, die mich seit meiner eigenen Kindheit begleiten: der eine Großvater, der als Bauernführer seines Ortes die grausame Aufgabe hat, den Familien die Nachricht zu überbringen, dass der Sohn, der Ehemann, der Bruder, der Vater gefallen ist; die andere Großmutter, die 1945 am Tag nach dem ersten Bombenangriff auf Donauwörth meinen Onkel zur Welt brachte, gleich darauf die Stadt verlassen musste, mit zwei größeren Kindern und einem Säugling in die ungewisse Heimat des Ehemanns, nicht wissend, ob vielleicht auch dort alles zerstört ist.

Als ich in der 10. Klasse dieses Kapitel deutscher Geschichte kennen lernte - mit deutscher Gründlichkeit und der damit einher gehenden Schonungslosigkeit -, hatte es längst Namen und Gesichter, hatte ich schon das Unheil erspürt, das Leid nachempfunden. Ich wusste damals aber noch nicht, welches wertvolle Geschenk mir meine Großeltern und Eltern mit ihren Geschichten gemacht hatten, die mir halfen, Maßstäbe der Menschlichkeit zu entwickeln.
Jahre später stand ich als Lehrerin selbst vor 10. Klassen und suchte nach Worten, um Schülerinnen und Schülern das Grausame, das Unglaubliche des Naziregimes nahe zu bringen. Ich stand vor Generationen, die keine Zeitzeugen mehr kennen, deren Großeltern nach dem II. Weltkrieg geboren waren, die ihren Enkeln dieses Stück erinnerter Geschichte, durchlittener Biografie nicht mehr zum Geschenk machen konnten. Wie kann man ihnen sagen, was gesagt werden muss? Wie kann man ihnen das Maß der Menschlichkeit nahe bringen am Beispiel der Unmenschlichkeit schlechthin?
Geschichtliche Fakten vermögen es kaum, so meine ich. Zu gewaltig sind die Zahlen, zu unglaublich ist das Ausmaß. Wie viel sind 5 Millionen ermordete Juden? Gesichter, Beziehungen, Biografien sind es, die hier weiterhelfen und tiefer gehen können. Als ich Irma Krauß’ Buch „Das Wolkenzimmer“ zum ersten Mal las, wusste ich: mit diesem Buch kann es gelingen, mit dieser behutsamen Beziehung zwischen einem jungen Mädchen, das 1984 geboren wurde, und einem Türmer, Jahrgang 1932, denen der Zufall, das Schicksal drei gemeinsame Wochen auf dem Turm schenkt.
Dabei hätte es in der Geschichte ganz anders kommen können, denn Veronika, Nick, wie sie ihr Freund Mattis nennt, war auf den Turm gerannt um zu springen. Auf einer Fahrt in den Süden war es zum Streit und zur Trennung gekommen. Blind vor Schmerz will sie ihrem Leben ein Ende setzen. Der Türmer Mr. James, den sie auch den „Amerikaner“ nennen, sieht sie kommen, sieht sie nach oben rennen. Aber er spürt, dass sie nicht springen wird, er hat gelernt zu unterscheiden zwischen jenen, die zu lebendig nach oben rennen und zu sehr am Leben hängen um zu springen – und jenen, für die es in seinem Schrank nicht nur eine Kerbe gibt für den Versuch, sondern auch einen Stern für den Sprung.
Veronika bleibt, vielmehr: sie erschleicht sich das Bleiben im Turm. Mr. James duldet ihre Präsenz scheinbar unwillig, gewährt ihr aber doch Raum. Und es scheint sich zu wiederholen, was dem Amerikaner selbst 60 Jahre zuvor widerfahren war: ihm, dem kleinen jüdischen Jungen Jascha Rosen, war die Flucht bei der Deportation der Juden im Jahr 1942 gelungen, die Flucht in den Turm, wo ihm ein einarmiger Türmer zunächst widerwillig, aber zunehmend wohlwollend Zuflucht gewährt, später Zuneigung. Der kleine Junge Jascha kann nicht weiterfliehen. Er ist überzeugt davon, dass er gerade hier auf den einzigen noch lebenden Verwandten, seinen Bruder Hermann warten muss. Hermann wird ihn holen, sobald es ihm möglich ist. Und wo anders sollte er den kleinen Bruder Jascha suchen als in der Stadt, die ihre Heimat war?
60 Jahre später: Auch Veronika hat das Gefühl, den Turm nicht verlassen zu können. Sie will auf den Freund Mattis warten, der sie hier an diesem Ort, an dem der Streit alles zerstörte, suchen wird, so hofft sie, so will sie es glauben.
Zwischen dem Warten auf den Bruder Hermann und dem Warten auf den Freund Mattis entwickelt Irma Krauß für den Leser zwei wunderbare Beziehungsstränge, die das Credo der Menschlichkeit tragen. Jascha lernt den einarmigen Türmer kennen und lieben, einen kauzigen Mann, dem der Krieg, dem der Russlandfeldzug seine beiden Söhne genommen hat, dessen Frau über diesem Schicksal verstummt ist. Der Mann lässt sich auf das Wagnis ein, einen kleinen jüdischen Jungen zu verstecken, der von den Nazis gesucht wird. Er lässt sich auf das Risiko ein, einen jüdischen Jungen lieben zu lernen, auch wenn ihn der Gedanke manchmal schier wahnsinnig macht, dass Jascha leben darf, während seine eigenen Söhne gefallen sind.
Die zweite Beziehung, die aus dem Warten entsteht, ist jene zwischen Veronika und Mr. James. So wie Mr. James selbst als Junge durch den einarmigen Türmer am Leben gehalten wurde, hält er Veronika am Leben, versucht ihr das Leben kostbar zu machen, lebenswert. Er hilft ihr, von der Nabelschau des eigenen Schmerzes zu einer neuen Sichtweise zu kommen, bietet ihr die Vogelperspektive vom Turm aus an. Vom Turm aus lernt sie den Blick in die Weite kennen, die Kirchtürme der umliegenden Dörfer zu zählen, sie lernt, über den eigenen Kirchturm hinaus zu blicken. Mr. James bietet ihr auch den Blick in die Tiefe der Geschichte an, in die deutsche Geschichte des Nationalsozialismus, der Judenverfolgung, des II. Weltkrieges – aus der Optik des Jungen Jascha.
Und Veronika ist bereit für diese andere Optik.
Sie lernt, die Beziehung zu Mattis mit neuen Augen zu sehen: es war eine Beziehung, die sie festhalten wollte. Dabei war Mattis schon längst unterwegs zu neuen Ufern, einer neuen Frau. Und Veronikas verzweifelter Versuch, ihn zu halten, hätte sie fast das Leben gekostet.
In dieser behutsamen und vorsichtigen Nähe, die Irma Krauß zwischen dem Türmer und Veronika entstehen lässt, kommt etwas zum Tragen, was der französische Philosoph Emmanuel Lévinas „Die Spur des Anderen“ nennt. Dem anderen Menschen kann man nur gerecht werden, so sagt er, wenn man seiner Spur folgt, wenn man ihn nicht halten, nicht festhalten, nicht besitzen will. Nur im Erahnen des Anderen, nur im Verfolgen seiner Spur kann man mit dem Geschenk der Nähe bedacht werden. Veronika lernt, der Spur des seltsamen Türmers zu folgen, sie lernt, kluge und vorsichtige Fragen zu stellen, die nicht einengen; sie lernt, seltene Momente der Nähe nicht festhalten zu wollen. Auf dem Weg zu einer ganz anderen Nähe als jener körperlichen zu Mattis lehrt Mr. James sie, was es bedeutet, am Leben zu hängen, Angst um das eigene Leben zu haben. Und Veronika beginnt wert zu schätzen, was sie bereit war wegzuwerfen.
Irma Krauß erzählt nicht nur, sie verhilft Beziehungen ins Wort, verleiht ihnen Fleisch und Blut, verhilft einer tiefen Wahrheit ans Licht. Mit den Beziehungen zwischen ihren Protagonisten, die so real und greifbar vor dem inneren Auge entstehen, gibt sie Zeugnis von dem, was Beziehung sein kann: die Authentizität von Begegnung und Nähe und das Risiko des Verlusts, des Schmerzes. Dabei spielt der Altersunterschied von fünfzig oder noch mehr Jahren keine Rolle; echte Nähe und ehrliche Begegnung sind keine Frage des Alters. Veronika und Mr. James begegnen sich auf gleicher Augenhöhe im Wagnis der Nähe und in der tiefen Achtung vor der Andersheit des Anderen. So wie sich 60 Jahre zuvor ein 10-jähriger Junge und ein alter einarmiger Türmer auf gleicher Augenhöhe aufeinander einließen, wenn auch sprachloser.

In Irma Krauß´ Werk „Das Wolkenzimmer“ wird ein schwieriges Stück deutscher Geschichte erschlossen. Der Schlüssel zur Geschichte sind keine Fakten, die gewusst, aber nicht gespürt werden. Es ist die Sensibilität des Mädchens Veronika, das bereit ist, der Spur des Türmers Mr. James nachzugehen, das bereit ist, die Angst des kleinen Jascha im Versteck des Turmes nachzuspüren. Geschichtliche Fakten werden eingestreut, doch erst dort, wo Veronika dem Leser den Weg bereitet hat, wo der Alltag des kleinen Jascha und des einarmigen Türmers bereits aufgeschlossen und sensibel gemacht haben dafür, was den Eltern von Jascha, den vielen anderen Juden widerfahren war.
Irma Krauß´ neuestes Werk lässt auf vorsichtige und behutsame Weise Raum für die Wahrheit der Geschichte, erzwingt aber keine schonungslose Auseinandersetzung mit ihr. Dabei glaube ich nicht, dass wir unseren Kindern Fakten ersparen dürfen. Doch mir wäre wohler, wenn sie das Buch „Das Wolkenzimmer“ vorher lesen würden, wenn sie mit Veronika lernen würden, dem Unbehagen beim Stichwort „Wannsee-Konferenz“ zuerst ein Gesicht und erst danach die Zahlen der ermordeten Juden zuzuordnen; wenn sie zuerst mit dem kleinen Jascha die Ängste auf dem Dachgebälk der Kirche durchleiden, ehe sie erfahren, wie viele Juden in den Gaskammern zu Tode kamen.

„Das Wolkenzimmer“ ist ein wertvolles Geschenk an unsere Kinder, deren Eltern und Großeltern ihren Nachkommen dieses schwere Stück Vergangenheit nicht mehr schenken können. Dass es im Monat September mit dem Preis „Luchs“ der „Zeit“ bedacht wurde, macht mich sehr froh. Und es nährt die Hoffnung, dass das Geschenk, das Irma Krauß uns mit diesem Buch macht, ankommt bei den Menschen, für die sie es geschrieben hat.
Im Buch „Das Wolkenzimmer“ sagt der Türmer zu Veronika: „Bleib mit deiner Neigung, dich zuzwenden.“ Darf ich, liebe Frau Krauß, Ihnen Ihre eigenen Worte zurückgeben mit der Bitte: Bleiben Sie mit Ihrer Neigung, sich zuzuwenden!







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